Filmkritik: Die Rache der Wanderhure

29 Feb

Eigentlich ist sie ja gar keine Wanderhure mehr, sondern längst in den Stand der respektablen, verheirateten Kastellanin aufgestiegen. Doch die Vergangenheit holt die schöne Marie schnell wieder ein, denn der taffen jungen Mutti ist während des Kriegs der Ehemann abhanden gekommen, und während der langwierigen Suche nach dem von der Allgemeinheit für tot gehaltenen Gatten trifft Marie auch ihren Erzfeind Ruppertus wieder, den sie einst auf den Scheiterhaufen gebracht hat.

Soweit, so gut. Oder eben auch nicht. Denn was ein mitreißendes Sittengemälde des Spätmittelalters hätte werden können, funktioniert nur bedingt im langatmig inszenierten Film mit Alexandra Neldel in der Titelrolle. Zugegeben: Die Schauspielerin macht eine gute Figur, doch warum in Dreiteufelsnamen wurden ihr Klamotten verpasst, die zwar auf jeder Kostümparty für positives Aufsehen sorgen würden, in einem Film, der ernst genommen werden will, jedoch höchst fehlplatziert wirken? Wenn sie sich gegen Ende des Streifens auf den Gaul schwingt, fällt der Stoff an den Knien auseinander und entblößt ein nacktes Bein, das auch Oscar-Tantchen Angelina Jolie – neuer Spitzname: „naked knee“ – neidisch machen würde. Also sowas! Da wäre die gute Marie in der guten alten Zeit doch glatt wegen Unsittlichkeit verhaftet worden! Überhaupt hat man streckenweise das Gefühl, dass die Protagonistin den halben Film hindurch entweder zu Pferde durch eine saftige mitteleuropäische Wald- und Wiesenlandschaft reitet oder von irgendeinem Schurken oder sogar einer Frau sexuell bedrängt wird. Einmal Hure – immer Hure, so hat’s im Film den Anschein, auch wenn es Marie diesesmal gelingt, ihre Ehre wehrhaft zu verteidigen. Ach ja, kämpfen kann sie auch, und das noch besser als die meisten Männer. Anders kann man es sich nicht erklären, dass die Lady es fast problemlos schafft, sich hinter die feindlichen Linien durchzuschlagen, um ihren Michel zu finden.

Ihr männlicher Gegenpart, ihr Gemahl Michel, sorgt indes dafür, dass die Damenwelt nicht zu kurz kommt. Schon ein Schnuckelchen, der Junge, der vor seiner Laufbahn als Schlossverwalter im Fitness-Studio daheim gewesen zu sein scheint. Er strotzt nur so vor Muckis und Testosteron und weiß auch beides einzusetzen. Während Marie aufopferungsvoll durch Europa irrt, ist Michel verwirrt: Nach einem bedauerlichen Kopfschuss aus einem frühzeitlichen Schussapparat wacht er mit Gedächtnisverlust auf und darf sich erstmal vom mongolischen Gastkrieger die richtige Kampfsporttechnik beibringen lassen. Das gefällt dessen Lehnsherrn und auch der dazu gehörenden blutjungen Tochter, die natürlich bildhübsch, gescheit und scharf auf Michel ist. Glücklicherweise trifft Marie just in dem Moment ein, als Michel kurz vor der Entjungferung der holden Maid steht, und verhindert den nicht wissentlich begangenen Ehebruch. Nebenbei rettet sie dann sogar noch den mittelalterlichen Weltfrieden.

Michel kehrt mit Marie in die heimatlichen Gefilde zurück, darf noch kurz den kämpfenden Heroen geben und feststellen, dass er amnesiebedingt seinen besten Freund abgemurkst hat, bevor sich alles zum Guten wendet und das Historienspektakel karamellbonbonsüß auf einer sommerlichen Wiese mit der Vereinigung von Mama, Papa und Kind endet. Ein bisschen viel für einen Fernsehabend unter der Woche. Uff.

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