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Vier Tage, drei Nächte – Teil 3: Das Paradies bei Sirmione

19 Jun

Traum und Albtraum liegen nahe beieinander in Sirmione, jener Halbinsel im äußersten Süden des Gardasees, welche die Sehnsüchte von Italien-Urlaubern in sich zu vereinen scheint: Kristallklares Wasser, eine schmale Landzunge mit herrlichem Panoramablick zu beiden Seiten, die sich zum Ende hin anhebt und verbreitert und mit einer wunderbaren Altstadt versehen ist. Der Albtraum liegt darin, dass Sirmione zu erfolgreich ist: Tausende Touristen befahren die Landzunge; die Hotels, die zur Linken und zur Rechten liegen, ersticken fast in Abgasen, auf den Fußgängerwegen ist teils kein Durchkommen mehr.

Zum Glück haben die Behörden ein Einsehen und verwehren den Tagestouristen den Zugang zur Altstadt zumindest für den mobilen Untersatz – dieser muss draußen auf dem Sammelparkplatz bleiben. Wer allerdings innerhalb der Stadtmauern wohnt, sieht sich gezwungen, auf den engen Gässchen einen Straßenkampf mit den Fußgängern auszufechten – die Einheimischen etwas forscher, die Besucher zaghaft und mit Panik in den Augen. Quirlige Gässchen, Straßenmusik, Restaurants, Andenkenläden und Eisdielen perfektionieren das Italo-Feeling. Apropos Eisdielen: Die Portionen, die dort ausgegeben werden, sind kaum zu schaffen und ersetzen einen Mahlzeit.

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Auf langen Stegen ins Wasser liegen die Ausflügler und genießen bis in die Abendstunden hinein das warme Juniwetter, im warmen, schwefelhaltigen Thermalwasser, das aus den Quellen um den Inselkopf strömt, planschen Kinder und Erwachsene. Auch die alten Römer wussten das Thermalwasser und die tolle Lage zu schätzen: Am äußersten Nordrand der Insel, an deren höchster Erhebung, kann man heute noch die monumentalen Überreste der „Grotten des Catull“ besichtigen, welche eine riesige Fläche unterhöhlen und die heute teils von Olivenhainen bewachsen sind.

Übernachten auf der Halbinsel? Zu hektisch. Doch ein Glück: Es gibt sie tatsächlich, diese von Menschenhand geschaffenen Orte, die nahezu perfekt sind. Ein solcher liegt einige Kilometer südlich von Simione. Hier haben sich Roberto und Paolo ein kleines Hideaway geschaffen, das sie mit maximal zwölf Gästen in ihrem sechs Zimmer umfassenden Bed & Breakfast teilen.

Doremi lautet der Name des kleinen Anwesens, das die Besitzer vor etwa einem Jahr südlich von Sirmione eröffnet haben. Wer den Rückzugsort vom Alltag betritt, tut dies durch ein großes schmiedeeisernes Tor, das sich auf Eingabe der Zahlenkombination öffnet. Dahinter liegt ein Paradies, das nur einen klitzekleinen Haken hat: Es liegt nah an der Straße – und daher kann man die Autos im von hohen Bäumen und Blühpflanzen umgebenen Garten auch ein wenig hören. Ein kleines Manko, verglichen mit dem, was das Doremi zu bieten hat.

Das Konzept ist durchdacht: Im Herz der Anlage befindet sich der große Pool, schön geschwungen und so unmerklich, aber gewollt in zwei Zonen unterteilt. Darum gruppieren sich mediterrane Pflanzen, Sonnenliegen, Hängematten und -sessel. Ein lieblicher Blumenduft liegt in der Luft. Hier gibt es keinen Kampf um die Liege, denn es sind genauso viele da, wie das B & B Besucher aufnimmt. Ein Teil der Terrasse ist überdacht, geschwungen, elegant, offen, mit großzügigen Sitz- und Liegeflächen, streng im Farbkonzept Schwarz-Weiß gestaltet, mit liebevoll selbst designten Zierkissen mit dem glitzernden Stickwerk „Doremi“.

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Den Namen verdankt das Doremi der Musikleidenschaft seiner Besitzer. Roberto und Paolo spielen zwar nicht selbst, haben aber ihr Herz an die schönen Töne verloren, und das spiegelt sich auch in der Gestaltung der Räumlichkeiten. Im Frühstücksraum glänzt ein schwarzer Flügel, an den Wänden hängen Schallplatten und Gitarren, das „Bitte nicht stören“-Schild ist eine beschriebene CD. Edle Materialien, sorgfältig ausgewählte Dekorationsartikel, eine konsequente, bis ins letzte Detail durchdachte Stillinie überzeugen und machen den Aufenthalt zu etwas Besonderen.

Dazu gehört auch die Begrüßung durch Roberto, der zunächst Espresso und Pralinen serviert – Check-in ist da erstmal nebensächlich. Die Wahl zwischen dem Zimmer zur Poolseite und dem Zimmer zur Gartenseite fällt nicht leicht, doch eindeutig zugunsten des Gartens aus. Der Blick geht auf Hecken und Hügel, Verkehr ist hier kaum zu hören – die gut isolierten Türen und Fenster tun ein Übriges.

Die vier Zimmer gruppieren sich um den Frühstücksraum, eine Wendeltreppe führt hinab in einen Fitnessbereich, mit dem nicht einmal Top-Hotels mithalten können. Muskelfreunde und Ausdauerenthusiasten finden alles, was das Herz begeht, bis hin zu einer kleinen Sauna und einer gemauerten Dusch-Schnecke, das Ganze wird durch liebevolle Dekoration konsequent im Motto „Musik“ umrahmt.

Aber eigentlich will man lieber am Pool relaxen – oder darin. Geschwungen, mit gemauerten kleinen Tritten an mehreren Stellen im Becken, die einen Ausstieg ermöglichen, mit Wassermatratzen und wunderschönen blauen Mosaiksteinchen lädt er zum Erfrischen ein. Im Gebüsch neben dem Pool entdeckt der Gast zunächst einen halben Salatkopf – und dann eine Schildkröte, die den Besucher neugierig beäugt. Es gibt viel zu entdecken. So auch das Goldfischbecken mit den kapitalen Kois, die schmiedeeiserne Sitzecke, viele kleine Nischen, Sichtachsen, Durchblicke und Hingucker.

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Am Morgen erwartet Roberto die Gäste. „Breakfast?“, lautet die Frage. Ja! Gerne! Und was für eins. Das Büffet ist angerichtet – auf dem schwarzen Flügel, und es lockt wie die Musik. Keine ermüdende Auswahl an Produkten, sondern die kleine, feine und sehr persönliche Auswahl: je eine Sorte Käse und Wurst, ansprechend dekoriert unter einer gläsernen Glocke, hausgemachte Kuchen, Croissants, Brötchen, Butter und Marmelade, dazu frisches Obst, Kaffee aus der Presskanne – was will man mehr?

Vielleicht noch einen Tag länger bleiben. Oder wiederkommen. Denn das Doremi ist wirklich ein kleines, feines Paradies. (bb)

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Vier Tage, drei Nächte: Einmal wohnen wie Sissi

16 Jun

IMG_9001Vier Tage, drei Nächte Italien – und jeden Tag an einem anderen Ort. Klingt nach Stress? Ist es aber nicht! Im Gegenteil. Die Kinder sind groß und hüten daheim das Haus und die Katze, man ist nicht mehr an die Schulferien gebunden, und die Lust, wieder einmal etwas spontaner zu reisen, ist groß. Ein Blick auf die Wetterkarte offenbart: Im Radius von 500 Kilometern ist das Wetter auch nicht besser. Und jetzt?

Ganz einfach: Man bucht spontan, für eine Nacht und ein Hotel mit Hallenbad und Wellnessbereich. Dann kann einem das Wetter eigentlich wurscht sein. Erste Station der Reise wird so das Grand Hotel Imperial am Lago di Levico im im oberitalienischen Trentino. Mit seinem großen Bruder, dem Lago di Caldonazzo, ist er der wärmste See Norditaliens, wärmer noch als der Gardasee.

Levico Terme, der beschauliche Kurort am gleichnamigen See, ist eine Reise wert – das Grand Hotel Imperial, direkt am riesigen Thermenpark gelegen, ebenfalls. Sich einmal wie Kaiserin Sissi fühlen – schwelgen in Schnörkeln und Kitsch, gediegene Dekadenz genießen: Ein Mädchen-Traum, für den auch noch ältere Semester anfällig sind. Selbst eher nüchtern veranlagte Damen fallen auf den Charme der KuK-Zeiten herein – wie auch die Verfasserin dieser Zeilen.

Perfektionisten sind fehl am Platz: Die weiß gestrichene Holzfensterbank im Bad wellt sich – vermutlich Folge vieler heißer Sommer, in denen die Sonne durchs Fenster brannte. Auch die Halterung der großzügigen Jacuzzi-Badewanne geht ein wenig aus dem Leim, und das Echtholzparkett in der Suite weist einige Kratzer auf. Wie gesagt: Perfektionisten finden sicherlich einiges zu mäkeln.

Wer über die winzigen Kleinigkeiten hinwegschaut und sich selbst verinnerlicht, dass ja auch der Mensch nicht perfekt ist, wird dies auch bei einem Hotel mit einem Augenzwinkern hinnehmen und genießen. Das Grand Hotel Imperial in Levico Terme lädt dazu ein, einmal Prinz und Prinzessin zu spielen, und die Kritiken sind gut. Angefangen beim Holzbau des Torhauses, das der Besucher passiert, die großzügige Zufahrt, das imposante Haus im Zuckerbäckerstil, perfekt abgerundet durch einen riesigen umgebenden Park samt Wasserfontäne, Rosenbüschen und Arkaden, die mit wildem Wein überwachsen sind – die Kulisse ist perfekt, bis hin zu dem weißen Maserati, der hinter einem Porsche vor dem Haupteingang parkt, um Gepäck zu verladen.

Erst im März wiedereröffnet, ist sich das Grand Hotel durchaus seiner Aufgabe bewusst, ein Stück (Film-) Geschichte zum Leben zu erwecken und die Illusion der adeligen Sommerfrische zur Jahrhundertwende um 1900 zu erschaffen. Der Besucher, der normalerweise eher touristisch orientierte Hotels aufsucht, ist beeindruckt. Überaus freundliches Empfangspersonal informiert, lächelt – und händigt einem den Zimmerschlüssel aus. Jawohl, in diesem Vier-Sterne-Haus gibt es noch echte Schlüssel mit schwerem Messing-Anhänger, keine Plastik-Chipkarte. Das gute Stück passt zur Tür Nummer 202 im zweiten Stock, zu der man allerdings recht neuzeitlich im modernen Lift gelangt, und hinter ihr verbirgt sich eine sogenannte Junior-Suite, auf deren generösen 30 Quadratmetern sich unter gewölbten, mit Lüftelmalerei verzierten Decken und Durchgangsbögen ein breites Holzbett, eine Chaiselounge, ein Schminktisch mit Marmorplatte, eine Sitzecke, ein Sekretär, mehrere Kommoden und Schränke zu einem harmonischen Ganzen verbinden. Drapierte Vorhänge verschönern die raumhohen Fenster, im Bad warten neben einem Waschbecken mit getrennten Warm- und Kaltwasserhähnen ein modernes WC, ein Bidet und – der Clou – eine Jacuzzi-Badewanne mit integrierter Duschkabine.

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Spätestens jetzt weiß der Gast: Er ist Kaiser Franz – oder dessen Gemahlin Sissi. Die Zimmer gruppieren sich um mehrere Gänge und ein Atrium, in dem ein Brunnen, riesige Grünpflanzen, Sitzgrüppchen und ein Glasdach für eine ganz besondere Atmosphäre sorgen. Auf jedem Stockwerk gibt es Aufenthaltsräume, eingedeckt mit Geschirr, Gläsern und teils mit Champagnerflaschen in riesigen Kühlern, dekoriert mit Bilder-Staffeleien und – als schönste Zier – dem Ausblick auf den Park und die mächtige Bergwelt der Dolomiten.

Leider hängen zum Zeitpunkt des Besuches dicke Regenwolken über dem Trentino, jenem Teil des italienischen Gebirges, der sich zwischen Südtirol und Gardasee befindet und der von den deutschen Touristen nur zu gerne quasi links liegengelassen wird. Schade eigentlich, denn mit dem Lago di Caldonazzo und seinem kleinen Bruder, dem Lago di Levico, verpassen die Durchreisenden zwei entzückende Gewässer, die dazu noch die wärmsten in ganz Norditalien sind. Nicht mal der Gardasee kann da mithalten.

Wer im Grand Hotel Imperial einbucht, den braucht der Regen allerdings nicht zu schrecken. Bei allem kaiserlichen Charma hat man daran gedacht, dass der Tourist 2016 Wert auf Wellness legt, und die wird auch angeboten. Dazu kommen ein großzügiges Hallenbad mit Whirlpool, beheizt auf mehr als 30 Grad, und eine Saunaabteilung für Verfrorene und Wanderrückkehrer. Draußen, unter den Regentropfen, warten einsame Terrassen vor dem Restaurant und am Pool auf Passanten. Saftiges Grün umgibt sie, Rosen in vielen Farben, Laubengänge, hohe Bäume – und ein Außenschwimmbad, das mehr als nur eine Pfütze zur Abkühlung ist. Mit nackten Füssen macht sich die geübte Schwimmerin durch den Regen im hauseigenen Bademantel auf den Weg über den geteerten Weg hinauf zum Wasserbecken – nass ist sie eh schon – und gleitet ins kühle Nass. Nebel hängt zwischen den Bäumen, zwischen den Wolken erkennt man schemenhaft das Gebirge, das bei sonnnigerem Wetter sicherlich eine imposante Naturkulisse bietet. Die Vögel singen trotzdem, die Blumen blühen. Einsam zieht man seine Runden, während der Regen noch eine Schippe drauflegt. Die Poolbar bleibt geschlossen… Nach einer Weile geht es zurück ins Hallenbad, wo wohlig warmes Wasser einen umfängt.

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Nach einer Nacht im großen Holzbett erwartet ein solides Frühstücksbüffet den Gast. Am Nebentisch sitzen zwei Motorradfahrer, die am Vorabend Schutz vor den Regenfällen gesucht und gefunden haben. Im Grand Hotel treffen sie sich eben alle: die Reichen, die Schnäppchenjäger, die Zufallstouristen…

Die Sonne hat Erbarmen und schiebt die Wolken beiseite. Es wird warm. Nach dem Auschecken aus dem Hotel ist dann doch noch ein Besuch am Lago di Levico fällig. Am öffentlichen Strand sonnen sich die ersten Muttis mit ihren kleinen Kindern, die vergnügt im Uferbereich planschen. Eine Horde Teenager erobert das Wasser, nicht ohne sich gegenseitig nasszuspritzen und dabei fröhlich zu kreischen. Die saftig grüne Liegewiese lädt zum Verweilen ein. Wer’s gerne noch komfortabler möchte, kann gegen Eintritt ins nebenan gelegene Strandbad, das dann auch einen Sprungturm bietet.

Doch Norditalien hat noch mehr zu bieten. Vor dem Checkout im Grand Hotel hat man noch schnell die Wettervorhersage eingeholt: Sonne bei 26 Grad. Damit ist klar: Es geht an den Gardasee, Richtung Sirmione. Was es dort zu sehen gibt? (bb) Fortsetzung folgt…

 

Die Übernachtung im Grand Hotel Imperial kostete für zwei Personen in der Junior-Suite inklusive Frühstück als Last-Minute-Angebot 71 Euro, also rund die Hälfte des regulären Preises. Gebucht wurde der Aufenthalt einen Tag vor der Anreise.

Christo küsst den Iseosee aus dem Dornröschenschlaf

13 Jun
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Der malerische Iseosee in Oberitalien.

Sulzano am Iseosee: Normalerweise ein verschlafener Ort in den Bergen Norditaliens mit knapp 2000 Einwohnern, der vom Tourismus noch nicht so richtig wachgeküsst wurde. Das sollte sich bald ändern: Ab kommendem Samstag werden hier die „Floating Piers“ eröffnet. Von Sulzano bis nach Peschiera Maraglio auf der Monte Isola, größte Insel in südeuropäischem Binnengewässer, und weiter zu ihrer kleinen Schwester San Paolo, die Privatbesitz der Beretta-Dynastie ist, reichen die schwimmenden Stege, die es den Besuchern ermöglichen sollen, den See zu Fuß zu überqueren. 

Schon bei der Fahrt in den Ort fragt man sich, wie Sulzano die erwartete Masse der Besucher verkraften soll. Stau an der Ampel, länger dauernde Suche nach einem Parkplatz. Dabei ist das Wetter eher regnerisch, also fehlen sogar die Schönwetter-Touristen. Der erste Weg führt zur Anlegestelle am Hafen. Helle Fliesbahnen liegen auf den Plätzen und Wegen im Hafenbereich. Sie weisen den Weg zum Beginn der Reise „trockenen Fußes“ über das Gewässer. 

„Trockenen Fußes“ ist allerdings nicht ganz der korrekte Ausdruck, denn es spritzt, wenn man über das Stoffgewebe geht. Die kürzlichen Regenfälle haben neben Nässe auch Schmutz mit sich gebracht. So wirkt die Verhüllung der Gehsteige leider nicht mehr ganz so majestätisch wie geplant. Überhaupt: Sollte der Stoff nicht sonnengelb sein? Noch eine Woche bis zur Eröffnung der „Floating Piers“ – ist das tatsächlich schon das Gewebe, das magisch in der Sonne glänzen soll? Nein – das weiße Gewebe soll den Stoff nur am Rutschen hindern, denn schließlich soll kein Besucher beim drei Kilometer langen Spaziergang über die „Floating Piers“ ein unfreiwilliges Bad im See nehmen.

Bislang ist also noch nichts zu sehen vom versprochenen Sonnengelb. Die hellen Wege führen durch ein kleines Gässchen bis zu einem Absperrgitter, hinter dem die „Floating Piers“ beginnen. Arbeiter nehmen letzte Verbesserungsarbeiten an dem Projekt vor, im Hintergrund gestikuliert ein Mann mit langen weißen Haaren, neben ihm steht ein anderer mit Videokamera samt Mikrofon, der ihm auf Schritt und Tritt folgt. Wie die Arbeiter sind beide in rote Jacken gekleidet, und erst, als der Ältere sich umdreht, haben die Neugierigen, die mit Smartphones und Kameras an den Absperrgittern hängen, Gewissheit: Es ist der Meister selbst, der hier Hand anlegt und sein Werk inspiziert. Schritt für Schritt entfernt sich der Verhüllungskünstler über den See, auf einem 16 Meter breiten Weg – zumindest von den Dimensionen her groß genug, um zwei Autos bequem aneinander vorbeifahren zu lassen. 

Autos muss der künstliche Weg übers Wasser zwar nicht tragen, aber sicherlich massenweise Besucher, die ab 18. Juni einfallen werden, um das nur bis Anfang Juli zu sehende temporäre Kunstwerk im Wasser zu erleben. Mit 40 000 Menschen täglich rechnet man, 40 000 Paar Beine, die auf den „Floating Piers“ übers Wasser wandeln wollen. Die Bedienung in der Hafenbar lacht nur dazu, rollt mit den Augen und meint gut gelaunt auf Italienisch: „Das wird ein Wahnsinn, wenn so viele Menschen hierher kommen!“ Sulzano, nein, der ganze See wird dann für gute zwei Wochen im Mittelpunkt stehen. 

Dabei hat der Lago d‘ Iseo viel mehr zu bieten als Verhüllungskunst – eine malerische Naturkulisse, ein Flair der Entschleunigung, wie es dem großen Bruder Gardasee ein Stück weit abhanden gekommen ist. Die Sonne schiebt sich hinter den Wolken hervor, lässt das Wasser zwischen den grünen Bergen glitzern und rückt die kleinen Touristenboote, die über den See pendeln, ins rechte Licht. Schon am 4. Juli wird der Rummel, der noch gar nicht richtig begonnen hat, wieder vorüber sein, die „Floating Piers“ sind dann nur noch ein Stück Geschichte auf schönen Bildern. Doch sicher wird der eine oder andere Besucher die Erinnerung an die schöne Landschaft und den eindrucksvollen See mitnehmen – und vielleicht wiederkommen. Auf dass Christos Projekt den Iseosee aus dem Dornröschenschlaf wachküsse. (bb)

 The Floating Piers

Sulzano, Lago d‘ Iseo 

18. Juni – 3. Juli 2016

Die Stege sind auch für Rollstuhlfahrer zugänglich 

Menorca macht süchtig

11 Jun

MenorcaWillkommen in den 70ern. Das könnte das Motto Menorcas sein. Der überwiegende Teil der Urlauber hier sind Briten, dazu kommen Deutsche, Spanier und Italiener. Aber die Briten haben die Insel geprägt – und leider auch das Essen. Allererste Sahne hingegen ist die grandiose Natur, die Erholungssuchende auf dem Eiland vorfinden.

Vier Tage Menorca – reicht das, um die zweitgrößte Insel der Balearen kennenzulernen? Die Antwort lautet: nein. Zum Glück. Denn Menorca macht süchtig, und wer noch nicht alles gesehen hat, hat einen Grund, wiederzukommen. Doch der Reihe nach…

zufahrtVom dösigen Inselflughafen Mahon geht es im Mietwagen hinaus auf Menorcas Straßen. Das Ziel heißt Punta Prima und liegt im äußersten Südosten der Insel. Der Ort hat seinen Namen aufgrund der Tatsache erhalten, dass hier die Sonne als erstes in ganz Spanien aufgeht. Dem Touristen, der das erste Mal in diese Gegend kommt, geht hingegen schlicht und einfach das Herz auf, wenn er über die letzte Hügelkuppe fährt und das verschlafene Nest vor sich liegen sieht – in der Ferne lockt azurblaues Wasser, auf dem weiße Segelboote wie auf einem impressionistischen Gemälde arrangiert sind. Vorgelagert ist auch die „Ille des Aires“, die Insel der Winde. Hier leben sehr seltene schwarze Salamander; das Naturschutzgebiet darf nur mit dem Kanu angefahren werden.

100_2026Das Xaloc Playa ist ein Hotel, das quasi in Pole Position zum Strand liegt. Nur eine kleine Anliegerstraße trennt das Grundstück von weißem Karibikstrand und in unterschiedlichen Blautönen schillerndem, glasklarem Wasser. Die Anlage selbst ist kreisförmig um den großen Garten mit Pool, Minigolfanlage und Billard angelegt. Alles scheint in der Hitze des Tages zu schlafen; mühsam drehen sich die Körper der Hotelgäste auf den Sonnenliegen am Pool.

Prima Punta. Manche würden sagen: Hier ist der Hund begraben. Andere sagen: Das ist das Paradies. Traumstrand vor der Haustür, trotz Hitzewelle und Wochenende niemals überlaufen, Wasser karibisch glasklar, Sand puderzuckerweiß. In diesem Ort gibt es keine Zigaretten. Wer Tabakwaren will, muss nach Saint Lluis fahren, das ist rund 6 km entfernt. Auch am Strand müssen Raucher aufpassen – es gibt ein Gestell mit eistütenförmigen Plastikbehältern, die Raucher mit an den Strand nehmen müssen, um Asche und Kippen reinzuschmeißen. So bleibt der Strand wunderbar sauber.

Den Hang hinauf ziehen sich verschlafen die weißen Häuser; Hauptattraktion des Orts ist der alle paar Tage stattfindende „Markt“ mit Hippie-Schmuck, Pareos und Lederwaren. Fünf Stände, 50 Meter – das war’s. Idylle pur. Bis 21 Uhr. Dann quäkt im Touri-Bunker 50 Meter vom Xaloc Playa entfernt der DJ-Chef-Animateur zur Kinderdisco und dem anschließenden Stimmungsabend mit Bumm-Bumm-Musik und nervigem Gekreische los. Das geht allabendlich bis 23 oder 23.30 Uhr; trotz Ausrichtung zum Innenhof hat man keine Chance, dem Ganzen zu entkommen.

sonnenaufgang-klein6.15 Uhr. Sonnenaufgang. Zumindest einmal sollte man ihn erleben, den ersten Strahl des Himmelsgestirns in ganz Spanien. Langsam schiebt sich die blutrote Sonne über die Ostspitze der Bucht und taucht alles in ein warmes Licht. Der Spaziergang in der milden Morgendämmerung führt am Strand entlang und durch die Straßen zum alten Wehrturm hinauf. Dort sitzen ein paar Teenager und unterhalten sich – offenbar haben sie da oben übernachtet. Das hügelige Hinterland ist dicht mit Bäumen bewachsen; noch schläft der Ort.

11401395_917145521675162_6449939872592325240_nDoch was ist mit dem Plan, Menorca entdecken zu wollen? Wer am Puderzuckerstrand kleben bleibt, sieht definitiv zu wenig von der Insel. Der erste Ausflug führt zu einem kleinen Dorf namens „Binibeca Vell„. Die Siedlung am Hafen wurde vor wenigen Jahren neu erbaut. Der oder die Architekten haben den Stil einem alten Fischerdorf nachempfunden; es ist alles verwinkelt, eng, steil und ungewöhnlich. Das komplette Dorf ist in reinem Weiß gehalten und strahlt vor dem azurblauen Meer ganz wunderbar aus weiter Ferne.

In Binibeca gibt es um diese Jahreszeit auch frisch geschlüpfte Landschildkröten, die wir in einem großen Freigehege mit ein wenig Aufmerksamkeit beim Fressen beobachten können. In einem Restaurant an der Strecke nach Punta Prima halten wir, um ein paar Tapas zu essen. Unser Pech: Es ist ein Fischrestaurant, und der sprachgewandte Kellner kommt erst einmal mit einem riesigen Teller voller frisch gefangener Fische an unseren Tisch, erläutert uns die Sorten und äußert Empfehlungen. Wir entscheiden uns dennoch für einen Salat… Doch einige Leute an den Nebentischen bestellen Frisches aus dem Meer – und das riecht selbst für Veggies sehr lecker nach Knoblauch und Kräutern. Fazit: Wenn jemals doch Fisch, dann hier. Die Qualität hat allerdings auch ihren Preis – selbst beim Salat!

es-grau1Es Grau heißt das große Naturschutzgebiet an der Ostküste oberhalb von Menorcas Hauptstadt Mahon oder Maó. Die Insel ist voller Naturreservate; hier wird darauf geachtet, die Fehler und Bausünden der Nachbarn von Mallorca nicht zu begehen. Vom breiten Sandstrand von Es Grau wandern wir durch ein weitläufiges Gebiet über sonnige Wege, schattige Wäldchen, über lange Holzstege und vorbei an fliegenden Fischen hinauf zu einem wunderbaren Aussichtspunkt mit Blick über Lagunen und Seen. Kakteen mit mehreren Metern Höhe säumen unseren Weg. Zur Belohnung beschließen wir die Wanderung am fast menschenleeren Strand von Es Grau – kristallklares Wasser, sanft abfallender Sandstrand, warmes Wasser…

Am Samstag um 9 Uhr morgens beginnt der große Markt in der menorquinischen Hauptstadt Mahon. Als wir gegen halb zehn in der Tiefgarage direkt am großen Platz ankommen, steht da nur ein Auto außer uns! Auf Nachfrage erklärt die Kassiererin, dass die Leute wohl erst bis in einer Stunde eintrudeln werden… gut für uns! Menorca macht seinem Ruf als ruhige Insel wieder mal alle Ehre. Auf dem Markt gibt es vor allem flippige Hippie-Klamotten, Keramik und Schmuck.

11061963_917145948341786_3786180551707095576_nLetzter Tag der Reise. Nach dem Auschecken aus dem Hotel bleibt noch viel Zeit, mit der „Knutschkugel“, also unserem roten Fiat 500, zwei weitere wunderschöne Flecken zu entdecken. Zunächst auf zu den „Cales Coves„. Hier haben prähistorische Siedler Höhlen in den Fels über der Bucht geschlagen, um ihre Toten zu bestatten. Tausende Jahre später, in den 90ern, kamen dann Späthippies, die die Höhlen besetzten und dort wohnten, bis sie wieder vertrieben und die meisten Behausungen verschlossen wurden. Einige kann man noch besichtigen.

cales2Der Weg zu den Cales Coves führt zunächst über eine enge Straße, dann rund 20 Minuten zu Fuß einen Feldweg durch Gebüsch, Feigenbäume und Schilf hinab zu einer malerischen Bucht, die ein bisschen an Leonardo die Caprios „The Beach“ erinnert. Das Wasser schimmert in allen Blauschattierungen, der Rücken des in der Sonne bratenden Engländers auf einem Felsen am Rand in allen Rottönen. Ruhe, Magie und der Wunsch, es den Hippies gleichzutun und eine Weile hier zu bleiben, machen sich breit. Schnell das Oberteil runter und ins Wasser gesprungen! Wir kommen wieder…

Last Stop. Von den Cales Coves kommend, haben wir erstmal Hunger – es ist schon fast zwei Uhr mittags. Wir lassen uns die Nebenstraßen entlang treiben, bis wir ein Schild Richtung „Es Canutelles“ sehen. Der Blick in den Reiseführer offenbart, dass dort die Einwohner des im Inland gelegenen Dorfes „Saint Climent“ zum Baden gehen. Hört sich gut an – dort gibt es bestimmt auch noch ein Restaurant, das nicht auf Pommes und Bakes Beans spezialisiert ist…

cantuelles2Richtig geraten. Die zweigeteilte Bucht von Es Canutelles ist wunderbar: Zur Linken liegen Boote und ein kleiner Steinstrand, das Wasser ist fast unglaublich hell- bis dunkelblau. Zur Rechten liegt ein extrem flach abfallender Sandstrand, an dem sich Gänse und fast keine Menschen tummeln. Dazwischen, auf der Anhöhe gelegen, hat sich eine Bar angesiedelt, in der wir endlich Tapas bekommen! Während Oliven, Calamares, Pimientos al Padron, Oliven, Brot mit Tomatenpüree und Gazpacho serviert werden, genießen wir den Blick aufs Wasser. Möwen ziehen kreischend ihre Bahnen.

11392796_917145871675127_7080784196338952156_nNach dem Essen wandern wir zur Sandbucht hinab. Hier wird geschnorchelt! Ein im Sand vergrabenes halbes Ruderboot, zahlreiche Seegurken, Seeigel, ein Seestern und Fische von ganz winzig bis mittelgroß tummeln sich im klaren Wasser.

Draußen kommen neue Besucher. Vier junge Frauen im Wanderoutfit lassen sich im Sand nieder, entkleiden sich vollständig und waten durchs seichte Wasser. Vermutlich werden sie vom Restaurant aus fleißig beobachtet. Wir brechen auf. Die Nackten sind wieder aus dem Wasser entstiegen und sitzen in der prallen Sonne. Wir hingegen haben einen Sonnenschirm zu verschenken und halten an, um die jungen Frauen zu fragen, ob sie Bedarf haben.

Die Freude ist groß. Während wir wieder die Kuppe hinaufsteigen, drehen wir uns um. Eine der Nackten versucht, den Schirm in den harten Sandboden zu rammen. Ihr Strandtag liegt noch vor ihnen. Wir hingegen müssen zurück. Zum Flughafen, an Steinkreisen vorbei, zurück nach Deutschland, wo die Temperaturen in der Nacht zum Montag fallen. Auf Menorca hingegen bleibt es warm. Wir kommen wieder – irgendwann… (bb)

Outlander mit Schönheitsfehlern

8 Feb

„Feuer und Stein“ von Diana Gabaldon ist mein Lieblingsbuch. Schon lange. Wie viele andere Frauen habe ich den ersten Band verschlungen, irgendwann in den 90er-Jahren, mich in die Protagonistin Claire hineinversetzt und ihre Zeitreise ins 18. Jahrhundert quasi hautnah miterlebt. Jetzt ist das Werk, das mittlerweile acht Bände umfasst, verfilmt worden. Endlich. Oder etwa doch eher leider?

Seit Anfang Januar kommen die Fans der Highland-Saga in den Genuss der Verfilmung – bislang allerdings nur auf dem Pay-TV-Kanal „Passion“. Die Fans, das sind vorwiegend Frauen – logisch, denn die Hauptfigur ist weiblich und erzählt die Geschichte auch aus ihrer Sicht. Und Frauen, das wissen wir, sind besonders kritische Zuschauer. Vor allem, wenn es um die Umsetzung ihres Lieblingsbuches geht.

Vorweg genommen: Die ersten Folgen von „Outlander“ halten sich bei der Verfilmung fast schon sklavisch nahe an der Buchvorlage. Das erfreut zwar auch mein Herz kolossal, denn nichts ist ärgerlicher, als wenn aus dem  Geschriebenen bekannte Figuren aus dem Drehbuch herausgeschrieben werden oder Handlungsabläufe anders dargestellt sind. Leider hat aber offensichtlich noch niemand ein Patentrezept gefunden, wie man den Grat zwischen original actionreichem Buch und detailgetreuer Literaturverfilmung meistert, ohne dass Langeweile aufkommt. Und so liegt hier auch der Pferdefuß bei „Outlander“: Fast die gesamte erste Folge dreht sich um die eigentliche Vorgeschichte, nämlich die Story um Claire und ihren „Jetzt-Zeit-Ehemann“ Frank im Jahr 1945. In fast schon epischer Breite und mit einschläfernden Dialogen versehen beobachten wir das Paar in seinen zweiten Flitterwochen, dürfen uns an Burgbesichtigungen, dazwischen geschobenem Cunnilingus auf dem Kellertisch und dem Smalltalk zwischen Frank und demgeschichtsinteressierten Highland-Pastor Reginald Wakefield erfreuen… nicht alles, was sich im Buch hochinteressant anliest, wirkt auch in der Umsetzung so.

Die Längen… ja, die machen dem Ganzen zu schaffen. Es gibt allerdings Hoffung: Ab Folge 2 geht es aufwärts, denn sobald die toughe Claire im 17. Jahrhundert gelandet ist, nimmt die Geschichte – endlich – Tempo auf. Zum Glück, denn meine bessere (und männliche) Hälfte fragte sich (und mich) schon, was ich an dem Buch denn eigentlich so toll gefunden hatte. Das Durchhalten lohnt sich aber. Und das, obwohl Caitriona Balfe als Claire etwas zu dünn geraten ist und auch keine bernsteinfarbenen Augen hat. Obwohl Sam Heughan als Jamie, Highlander-Traum aller belesenen Frauen, längst nicht so groß und rothaarig ist, wie es sich in der Vorstellung der meisten eingebrannt hat. Die physischen Abweichungen der Protagonisten werden ausgeglichen durch die Authentizität, die sie ihren Figuren einhauchen – Heughan spielt den Jamie mit genau der richtigen Mischung aus kessem Bürschchen und tiefgründigem Folteropfer; Balfe wirkt auch in der Serie so gereift, erfahren und mutig, wie man es von einer emanzipierten Frau des 20. Jahrhunderts erwarten würde. Kein Weibchen, das sich hinter einem Mann versteckt, sondern eine, die hinsteht für ihre Überzeugungen und kämpft um ihr Glück.

Und so… ja, doch: Trotz aller Schwächen werden wir die Serie weiterschauen. Zumal die Folgen immer spannender werden und es als Bonus wunderbare Landschaftsaufnahmen aus Schottland obendrauf gibt. Wenn es die Regie jetzt noch schafft, die „Stimme aus dem Off“ weitgehend aus dem Drehbuch zu streichen, bin ich zufrieden. Ach ja – als Message für alle Männer da draußen lasse ich noch folgende Erkenntnis da: Mein Herzblatt hat heute schon gefragt, wann die nächste Folge läuft… (bb)

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