Tag Archives: Buchvorstellung

(Vor)Weihnachtliche Lesevergnügen

13 Nov

Gibt es etwas Schöneres, als es sich an einem trüben Wintertag mit einem Buch, einem Tee, Kakao oder wahlweise einem Glas Wein gemütlich zu machen? Perfekt, wenn eine (vor)weihnachtliche Story beim Lesen für die Einstimmung auf das Fest sorgt.  Aus den vielen Neuerscheinungen habe ich sechs besonders schöne Romane ausgesucht.

buch 01Chiaras Leben ist ein Scherbenhaufen, ihr Mann hat sie wegen einer „Sanfteren“ verlassen, die Zeitung, für die sie schreibt, hat ihre wöchentliche Kolumne eingestellt und zu allem Übel naht auch noch das Weihnachtsfest. Die Römerin ist verzweifelt, und als ihre Therapeutin ihr den ungewöhnlichen Rat gibt, sich jeden Tag zehn Minuten lang mit etwas zu beschäftigen, das sie noch nie zuvor getan hat, lässt sie sich zunächst nur widerwillig und äußerst skeptisch auf dieses Experiment ein. Doch mit jedem Selbstversuch, von harmlos (pinkfarbener Nagellack) bis herausfordernd (im Weihnachtsmannkostüm öffentlich singen) erweitert sich ihr Blick auf die Welt, wie sie sich außerhalb ihres eigenen Kummers dreht. Das „Zehn-Minuten-Projekt“ von Chiara Gamberale ist ein humorvoller, manchmal sogar weiser Adventkalender, der den Wert von Freundschaft in den Mittelpunkt stellt.

Buch 02Auch die Münchner Autorin Christine Grän, bekannt durch ihre Anna-Marx-Krimis, erzählt ihren Roman „Sternstr. 24“ wie einen Adventkalender. Natürlich kann man ihn in einem Rutsch lesen, aber wenn man möchte, kann man sich vom ersten Dezember bis zum Heiligen Abend jeden Tag eine Geschichte über ein Haus in Schwabing zu Gemüte führen und sich häppchenweise von den kleinen und großen Tragödien und Komödien im Leben der sehr unterschiedlichen Bewohner unterhalten lassen. Ob Ökofamile, Künstlerehepaar, Jugendliche mit unterirdischem Sprachschatz oder verblühende Schönheiten…am Ende liebt man sie alle und wird sich einmal mehr bewusst, dass Aufmerksamkeit und Zuneigung wertvolle Geschenke sind, nicht nur zur Weihnachtszeit.

buch 03Allerdings ist Kelley Quinn der Meinung, dass seine Frau dem Weihnachtsmann zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Als er sie mit „Santa Claus“ im Bett erwischt, hat sich seine Ehe mit Mitzi erledigt. Und das am Tag vor Weihnachten, dem Fest der Liebe! Die Leserin hält das nicht für einen großen Verlust, denn Mitzi ist ihr nicht sympathisch. Wohl aber Kelleys Ex-Frau, mit der er drei Kinder hat… Alle Romane der amerikanischen Autorin Elin Hilderbrand spielen auf der kleinen Insel Nantucket, die vor der amerikanischen Ostküste liegt. Dieses Ambiente, wo jeder jeden kennt, sorgt für ein kuscheliges Wohlfühlerlebnis, und man kann, gemütlich in eine Decke gekuschelt, miterleben, wie Kelleys Weihnachten doch noch schön wird und „Winterglanz“ verbreitet.

buch 04Für die junge Londoner Cafébesitzerin Bea droht das kommende Weihnachtsfest schwierig zu werden, denn sie wird es zum ersten Mal alleine mit ihrem kleinen Sohn verbringen müssen. Um dem zu entgehen, lädt sie kurzerhand Freunde, Nachbarn und Stammgäste ein, mit ihr zusammen im Honey Pot Café zu feiern. Die Vorbereitungen für die Party sind turbulent und werden von Amy Silver hinreißend geschildert, und ihr Roman hieße wohl kaum „All I want for Christmas is you“, wenn sich für die charmante Wirtin nicht am Ende doch noch ein weihnachtliches Liebeswunder einstellen würde.

buch 05Auch Verbrecher machen vor dem Fest der Liebe nicht halt. Seit mehr als 20 Jahren ist „Schlaf‘ in himmlischer Ruh“ mein allerliebster Weihnachtskrimi, den ich jedes Jahr zusammen mit der Dekokiste und den Weihnachts-CDs herauskrame. Leider war das Buch lange nicht lieferbar, weswegen mich die hübsche Neuausgabe der beiden Weihnachtskrimis von Kult-Autorin Charlotte MacLeod im DuMont-Verlag überaus erfreute. Unter dem Titel „Mord in stiller Nacht“ kann man jetzt nicht nur die zum Schreien komischen Vorkommnisse im landwirtschaftlichen Balaclava-College verfolgen und miterleben, wie Professor Peter Shandy zum Detektiv wider Willen wird, sondern bekommt als Zugabe „Kabeljau und Kaviar“, eine besonders witzige Episode ihrer Boston-Krimis mitgeliefert. Zum Entdecken, zum Wiederlesen und zum Verschenken für alle Freunde des „cosy crime“.

Buch 06Es ist DAS Weihnachtslied überhaupt, in zig Sprachen übersetzt und in unzähligen Aufnahmen verfügbar. Und auch wenn es zuweilen bis zum Überdruss aus allen Lautsprechern dudelt, ist und bleibt es doch der emotionale Höhepunkt der Christmette und das schönste Lied, das eine Familie unter dem Tannenbaum gemeinsam singen kann – „Stille Nacht“. Titus Müller erzählt in seiner warmherzigen Art von der Geburtsstunde dieses Liedes 1818 im österreichischen Oberndorf. Wie es dazu kam, dass Hilfspfarrer Joseph Mohr und Lehrer Franz Xaver Gruber aus der Not heraus ihre Komposition in einer dunklen Kirche und nur mit Gitarrenbegleitung uraufführen mussten, ist nicht nur eine ergreifende Story, sondern auch ein spannendes Stück Musikgeschichte. Die hübsche Aufmachung des kleinen Buches in Blau und Silber macht es auch zu einem idealen Geschenk. (sst)

Bibliographie:
1. Chiara Gamberale: Das Zehn-Minuten-Projekt. Bloomsbury ISBN 978-3- 8270-1262-3
2. Christine Grän: Sternstr. 24. Ars Vivendi ISBN 978-3-86913-574-8
3. Elin Hilderbrand: Winterglanz. Goldmann ISBN 978-3-442-48359-4
4. Amy Silver: All I want for Christmas. rororo TB ISBN 978-3-499-27191-5
5. Charlotte MacLeod: Mord in stiller Nacht. DuMont. ISBN 978-3-8321-6342-6
6. Titus Müller: Stille Nacht. Adeo ISBN 978-3-86334-074-2

Das Copyright an den Cover-Bildern liegt beim jeweiligen Verlag.

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Von Flusspferden, Falschgeld und Dürrekatastrophen

5 Mai

Unsere Buchexpertin Susanne empfiehlt…
Teil 2: Neue Gesellschaftsromane

 

Buch 01Catherine Chanter: Die Quelle
Als eine Dürrekatastrophe das ganze Land bedroht wird ihr vermeintliches Paradies auf Erden für die Neu-Farmer Ruth und Mark zum Unglücksort. Psychologisch ausgefeilter Roman um falsche Verdächtigungen und hinterhältige Manipulationen.
Scherz Verlag | ISBN 9783651021952

 

 

Buch 02Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken
Neurochirurg Etan überfährt in der israelischen Wüste einen Flüchtling und begeht Fahrerflucht, aber bald holt ihn seine Tat ein. Aktuelle Palästina-Debatte, Flüchtlings-Schicksale und ein persönlicher Kampf mit Schuld und Sühne – Gundar-Goschen gelingt ein überzeugendes Gesellschaftsdrama.
Verlag Kein &  Aber | ISBN 9783036957142

 

 

Buch 03Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd
Mit einem ungewöhnlichen Ferienjob versucht der angehende Tierarzt Julian über die Schmach des Verlassenwerdens hinwegzukommen. Ein moderner „Werther“.
Hanser Verlag | ISBN 9783446247611

 

 

 

Buch 04Ian McEwan: Kindeswohl
Die angesehene Familienrichterin Fiona Maye muss unter Zeitdruck einen heiklen Fall entscheiden, der viel Fingerspitzengefühl erfordert. Gleichzeitig kollabiert ihre langjährige Ehe.
Diogenes Verlag | ISBN 9783257069167

 

 

 

Buch 05John Williams: Butchers Crossing
Ein junger Student möchte 1870 ein Abenteuer erleben und finanziert eine Büffeljagd. Das Unternehmen droht zu einem Ritt in den Tod zu werden. Ein spannendes und sprachgewaltiges Bild aus einer untergegangenen Zeit.
DTV Verlag | ISBN 9783423280495

 

 

Das Copyright an den Cover-Bildern liegt beim jeweiligen Verlag.

Von vergessenen Koffern und verschwiegenen Geschichten

1 Mai

Unsere Buchexpertin Susanne empfiehlt…
Teil 1: Neue historische Romane

 

Buch 01Michel Bergmann: Weinhebers Koffer
Ein Berliner Filmregisseur kauft bei einem Trödler einen alten Koffer, mit dem vor fast 80 Jahren Leonard Weinheber nach Palästina auswandern wolllte. Doch nur der Koffer kam in Haifa an. Eine Spurensuche.
Dörlemann Verlag | ISBN 9783038200161

 

 

Buch 02Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street
In den belebten Straßen von New York wird die kleine Malka von einem Eiswagen angefahren. Was 1913 mit einem Unfall begann, wird die triumphale Geschichte der „Eiskönigin“ von Amerika. Turbulente und frei erfundene Biografie mit Anleihen beim „Häagen Dasz“ Imperium.
Insel Verlag | ISBN 9783458176251

 

 

Buch 03Klaus Modick: Konzert ohne Dichter
Einige Jahre lang waren der Dichter Rainer Maria Rilke und der Maler Heinrich Vogeler enge Freunde. Was hat die beiden Künstler entzweit?  Klaus Modick hat sauber recherchiert und aus Fakten und Fiktion einen funkelnden Worpswede-Roman geschrieben, in den man sich verlieben muss.
Verlag Kiepenheuer & Witsch | ISBN 9783462047417

 

 

Buch 04Titus Müller: Berlin Feuerland
1848 – Märzrevolution in Berlin. Bürger und Arbeiter gehen für mehr Demokratie auf die Straße, und der König lässt auf sie schießen. Titus Müller erzählt packend und flicht eine zarte Liebesgeschichte in die dramatische Handlung.
Blessing Verlag | ISBN 9783896675033

 

 

Buch 05

Hanni Münzer: Honigtot
Um ihre halbjüdischen Kinder zu retten, geht die Münchner Sopranistin Elisabeth Malpran einen Pakt mit dem Teufel ein und heiratet einen SS-Schergen. Jahrzehnte später macht sich ihre Urenkelin auf die Reise, dieses Familiengeheimnis zu entschlüsseln. Fesselnde Geschichte mit viel Lokalkolorit.
Piper Verlag | ISBN 9783492307253

 

Das Copyright an den Cover-Bildern liegt beim jeweiligen Verlag.

Die schönste Art, sein Herz zu verlieren

25 Mrz
Bild: Dummy_Sanchez-209.jpg

(c) Thiele Verlag

Unsere Buchexpertin Susanne hat für Euch das Buch „Die schönste Art, sein Herz zu verlieren“ von Mamen Sánchez gelesen und stellt es euch hier vor:

Die spanische Kulturzeitschrift „Librarte“ soll neben Beiträgen aus der spanischen Kunstszene vor allem hymnische Besprechungen auf die Veröffentlichungen des Verlages „Craftsman & Co.“ publizieren. Allein zu diesem Zweck hat Marlow Craftsman, Inhaber des englischen Traditionshauses, das kleine Redaktionsbüro in Madrid eröffnet und die Literaturwissenschaftlerin Berta als zuverlässige Chefredakteurin eingestellt. Doch die Dinge laufen ganz und gar nicht nach Wunsch, und weil der mächtige Patriarch mit dem Heft keine weiteren Verluste einfahren will, beschließt er, die Herausgabe umgehend einzustellen. Er schickt seinen Sohn Atticus nach Madrid, um diese leidige Angelegenheit abzuwickeln und die fünf Mitarbeiterinnen, möglichst ohne Abfindung, zu entlassen.

Berta ist am Boden zerstört und fassungslos. Sie und ihre vier Kolleginnen Asunción, Maria, Gabriela und Soléa stecken seit fünf Jahren nicht nur all ihr fachliches Können und ihr Herzblut in diese Zeitschrift, sondern haben auch immer korrekt und, wie sie glauben, wirtschaftlich gearbeitet. Die fünf Frauen sind dabei zu echten Freundinnen geworden, für die die Redaktion ihr zweites Zuhause bedeutet, und sie sind nicht bereit, diesen Verlust und ihren drohenden finanziellen Ruin widerstandslos hinzunehmen. Also muss der Erbe des Medien-Tycoons unbedingt vom Wert ihrer Arbeit überzeugt werden, damit er seinen Vater umstimmen kann. Mit einem Trick lockt die attraktive Soléa den unbedarften, leichtgläubigen und freundlichen Atticus in ihre Heimatstadt Granada, wo er ihr, ihrer temperamentvollen Familie und dem Zauber der andalusischen Gitarrenkunst mit Haut und Haaren verfällt und bald keinerlei Drang mehr verspürt, in sein altes Leben zurückzukehren.

Erst kurz vor Weihnachten fällt seinen Eltern auf, wie lange sie nichts mehr von ihrem zweitältesten Sohn gehört haben und sie beginnen sich wegen seines spurlosen Verschwindens Sorgen zu machen. Marlow und Moira Craftsman, Prototypen des englisch-aristokratischen Snobs, reisen in die spanische Hauptstadt und schalten Inspektor Alonso Jandalillo ein. Leider hat der kauzige Madrider Polizist, der sich nach seinem Vorbild Don Quixote kurz und knackig „Manchego“ nennen lässt, die unselige Gabe, jeden Sachverhalt total zu verkomplizieren und jedes Indiz gründlich misszudeuten, was seiner Jugendfreundin Berta und ihrem Team wiederum sehr gelegen kommt.

Dass zu guter Letzt‘ doch noch ein wirklicher Betrug aufgeklärt und ein gefährlicher Schurke dingfest gemacht werden kann, ist der perfekten Zusammenarbeit der klugen Chefredakteurin Berta und dem furcht- und oft kopflosen Manchego zu verdanken.

Mamen Sánchez ist ein amüsant-amouröser Roman gelungen, in dem unterkühlte Briten auf feurige Spanier treffen. Natürlich resultieren daraus zwangsläufig einige Klischees, die jedoch das Lesevergnügen in keiner Weise trüben.

Auf dem beigefügten Lesezeichen warnt der Verlag: „Vorsicht! Dieser Roman könnte sich sehr negativ auf Ihre pessimistische Lebenseinstellung auswirken, zu plötzlichen Lachattacken führen und süchtig machen. Achten Sie auf Ihr Herz: Sie könnten den akuten Drang verspüren, sich zu verlieben. Und zu leben!“

Verführerischer kann man ein Buch kaum anpreisen, und auch ich wünsche ein frühlingsleichtes Lesevergnügen und empfehle dringend, während der Lektüre sowohl spanischen Rotwein als auch englischen Earl-Grey-Tee im Haus zu haben. Über das Eintreten der möglichen Nebenwirkungen hülle ich mich allerdings in Schweigen. (sst)

Thiele-Verlag 2015, ISBN 978-3-85179-287-4, 20 €

Friedrich-Glauser-Preis 2014 für Judith W. TASCHLER: Die Deutschlehrerin

28 Mai
(c) Picus Verlag

(c) Picus Verlag

Picus, 2013 – Mathilda ist „Die Deutschlehrerin“,
Anfang 50, überdurchschnittlich engagiert und bei den Schülerinnen ihres Innsbrucker Gymnasiums ausgesprochen beliebt. Mit ihrem Oberstufen-Kurs bewirbt sie sich für ein interessantes Schulprojekt, bei dem die Mädchen für eine Woche mit einem Schriftsteller arbeiten dürfen. Überraschung und Freude sind groß, als sie tatsächlich einen Workshop mit einem berühmten Jugendbuchautor gewinnen. Für Mathilda ist es allerdings ein Schock, als sie erfährt, um wen es sich dabei handelt, denn sie kennt Xaver Sand. Sie kennt ihn sogar sehr gut. 15 Jahre war sie mit ihm liiert, sie lebten zusammen in einer schönen Wohnung, und Mathilda dachte, sie sei glücklich und es wäre für „immer“, als Xaver sie aus heiterem Himmel verließ. Eines Abends kam Mathilda heim, und er war weg. Hatte still und heimlich seine Sachen zusammengepackt und sich aus dem Staub gemacht. Natürlich wegen einer anderen Frau. Mathilda erfuhr es aus der Klatschpresse „Erfolgreicher Schriftsteller heiratet Millionenerbin.“ Sie blieb dagegen bis heute alleine.

Und nun tritt Xaver nach weiteren 15 Jahren wieder in ihr Leben. Wie soll sie damit umgehen? Ihr Kontakt beginnt mit harmlosen E-Mails, dann treffen sie sich zu einem Vorbereitungsgespräch. Während Mathilda nach all der Zeit immer noch tief verletzt ist, scheint Xaver ehrlich erfreut über ihre zufällige Wiederbegegnung, flirtet sogar ungeniert mit ihr. Sie beginnen einander zu erzählen, von ihrem jetzigen Leben, aber auch davon, wie sie ihre gemeinsame Zeit erlebt haben – und ihre Versionen decken sich keineswegs. Das Scheitern ihrer Beziehung hatte viele Gründe. Mathilda wollte ein Kind, Xaver nicht. Ein Kind bekam er dann allerdings sofort mit der anderen Frau, und dieses Kind wurde im Alter von zwei Jahren entführt und nie wieder gefunden. Seine Ehe scheiterte, Xavers Stern als Schriftsteller ging unter. Was aber ist mit dem kleinen Jakob geschehen? Eine Frage, die sich zum Dreh und Angelpunkt dieses Romans entwickelt, denn Mathilda erzählt Xaver eine lange Geschichte. Erzählen konnte sie immer schon gut, schreiben auch, Xaver weiß das…Doch diese Geschichte ist anders, bedrohlich, beängstigend. Eine Geschichte darüber, was mit Jakob passiert sein könnte – und sie erzählt sie so realistisch, dass Xaver nicht mehr weiß, ob sie fantasiert oder die Wahrheit sagt. Eine Wahrheit, von der er glaubte, sie als einziger zu kennen.

Die subtile Spannung in diesem Buch ist beklemmend und wurde von Judith Taschler mit berückender Sprachkunst eingefangen. Sie wählt vielfältige Formen und unterschiedliche Perspektiven, um den Leser immer wieder neu zu informieren und gleichzeitig immer mehr zu verwirren, genauso, wie es Mathilda mit Xaver macht. Es bleibt unklar, ob sie ihm helfen, ob sie ihn quälen oder sich an ihm rächen will. In Gesprächen, Rückblenden, Briefen, E-Mails und Polizeiprotokollen, setzt sich allmählich ein Bild zusammen, das den Leser am Ende staunend zurücklässt und dazu drängt, bestimmte Szenen ein zweites Mal zu lesen. Dieses Buch hat alles, was eine gute Geschichte ausmacht: Einen packenden Plot, gelungene Identifikationsfiguren, eine herausragende Erzählweise, Spannung und ein überzeugendes Ende, fast eine Erlösung.

Ein Jahr nach Erscheinen wird „Die Deutschlehrerin“ nun mit dem „Friederich-Glauser-Preis“ ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise in der deutschen Literatur-Szene. Zurecht!

Wer noch mehr von Judith Taschler lesen möchte, dem sei „Sommer wie Winter“ empfohlen. Die Österreicherin erzählt hier im Stil eines Heimatromans und stellt eine verletzte Kinderseele in den Mittelpunkt ihres Debüts. Die Handlung legt sie, ähnlich wie später in „Die Deutschlehrerin“ wie eine Collage an: Fünf Mitglieder der Familie Winter erzählen einem Therapeuten ihre Version von einem Unfall und so entblättert sich raffiniert, kunstvoll und auch überraschend die Tragödie dieser Menschen. Zu Wort kommen die Mutter, ihre drei Töchter und der Pflegesohn der Familie, die gemeinsam einen Bauernhof mit Hotel in den Südtiroler Bergen bewirtschaften. Alexander Sommer wurde von der Familie aufgenommen, nachdem ihn seine leibliche Mutter als Baby ausgesetzt hatte. Nun heißt er Winter – Winter wie Sommer. Der Vater, von dem viel die Rede ist, fehlt als Erzähler. Irgendetwas Schreckliches ist passiert, das ahnt der Leser bereits auf den ersten Seiten. Irgendetwas, das die Familie dazu veranlasste, professionelle Hilfe zu suchen. Was, das wird erst ganz am Ende geklärt. Beim Lesen sucht man ständig nach der Lösung, und die von Judith Taschler aufgebaute Spannung entwickelt ihren ganz eigenen Sog. Das Wort Heimat verknüpft sie nicht zwangsläufig mit Liebe, Glück und Romantik, sondern auch mit menschlichem Versagen und tiefem Unglück.

Ganz aktuell ist „Apanies Perlen“ erschienen. In vier Geschichten entfaltet Taschler alle Facetten der Liebe. Von dramatisch über schauerlich bis leidenschaftlich. Und wieder bewahrheitet sich eines: In der Fähigkeit, eine Kurzgeschichte zu schreiben, zeigt sich die Qualität eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin. Der Nobelpreis für Alice Munro hat diese, vom breiten Lesepublikum oft geschmähte, literarische Form endlich geadelt. (sst)

Alle Bücher von Judith Taschler erscheinen im Wiener Picus Verlag. „Sommer wie Winter“ auch als TB bei Goldmann. Die Deutschlehrerin. Picus 978-3-85452-692-6. 21,90 € | Sommer wie Winter. Picus 978-3-85452-671-1. 19,90 € | Sommer wie Winter. Goldmann 978-3-442-47833-0. 8,99 € | Apanies Perlen. Picus 978-3-7117-2010-8. 19,90 €

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