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Belfasts Aufbruch lohnt den Besuch

2 Mai

2018 – BELFAST – „Woher kommt Ihr“, will der Taxifahrer am Flughafen wissen. Deutschland? Super – „You will like the City!“ Die Belfaster seien freundlich zu fast jedem – außer zu den Engländern. Auch im zwanzigsten Jahr nach Ende des Bürgerkriegs sind die Gräben noch tief, die jahrzehntelange Feindschaft ins Land gezogen haben.

Wer nicht an der Oberfläche kratzt, kann sich jedoch unbeschwert durch die Stadt bewegen. Belfast beherrscht die Kunst, offensiv mit der eigenen blutigen Vergangenheit umzugehen: Zahlreiche Anbieter führen Touren zu den Brennpunkten der Stadt an. Shankhill, Falls, Sandy Row… Wandgemälde zeugen von altem Hass und Gewalt – und sind zugleich wunderschön. Offiziell sind die „Troubles“, die ab Ende der 60er-Jahre die Stadt zeichneten, vorbei. Doch Liebe ist aus dem Waffenstillstand zwischen Loyalisten und Republikanern noch lange nicht erwachsen.

Wandgemälde bei Kelly’s Cellars.

Zwei Welten – eine Stadt

So wie die politischen Gräben verlaufen auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen sorgloser Touristen-Tour und dem Kampf ums tägliche Überleben: Neben dem schicken Einkaufscenter am Victoria Square sitzt eine Jugendliche an die Mauer eines Hauses gekauert. Schmuddlige Kleidung, verlorener Blick. Eine Ausreißerin, auf der Suche nach einem besseren Leben in der großen Stadt? Nebenan shoppen die, deren Portemonnaie voll ist, sorglos schicke Kleidung, drücken sich übergewichtige Mädchen in schlecht sitzenden Leggins in Fastfood-Tempel, wo Burger nach amerikanischer Art angepriesen werden.

Protestanten und Katholiken, Arm und Reich, Sonne und Regen: Welcome to Belfast. Es ist eine Stadt zwischen viktorianischem Charme und irischer Gelassenheit. Ein idealer Ort für eine Städtereise für alle, denen London zu groß ist und die sich trotzdem nicht langweilen wollen. Das gelingt Nordirlands Hauptstadt spielend.

„Docklands“ und Titanic-Feeling

Hier wurde das wohl berühmteste Passagierschiff aller Zeiten gebaut – großer Jubel, große Katastrophe. Als der Frieden auf Belfasts Straßen einkehrte, begann die Stadt, touristische Konzepte zu entwickeln. Was lag näher, als den immer wiederkehrenden Hype um die 1912 gesunkene Titanic ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken?

Beeindruckend: Das interaktive Museum „Titanic Experience“.

Zum 100. Jahrtag der Katastrophe wurde 2012 ein modernes, interaktives Museum an den Docks errichtet, das seither Besucher aus aller Welt anzieht. Wer sich Zeit lässt, kann hier nicht nur etwas über das Schiff und seine Geschichte erfahren, sondern auch über die Entwicklung der nordirischen Hauptstadt, die einst Zentrum der Flachsverarbeitung war. Einen Spaziergang entfernt liegen das Pumphaus und Titanic-Dock, das einen Eindruck von der Größe des Schiffs vermittelt.

Direkt hinter dem Museum liegt der zweite Besuchermagnet Belfasts: In den Titanic-Studios wird das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ gedreht. Längst bieten zahlreiche Anbieter Touren zu den Drehorten an, die in ganz Nordirland verstreut liegen. Das Konzept geht auf: Bis aus Nordamerika, Asien oder Australien reisen „Thronies“ an, um einmal das Schwert zu schwingen wie ihre Helden, um dort zu stehen, wo die Schauspieler ihre kunstblutigen Kämpfe ausfechten. Atemberaubende Landschaften, malerische Höhlen, Schlösser und Bäume liefern den Beweis, dass es für die Serie keine schönere Kulisse geben könnte als den rauen Nordzipfel der irischen Insel (siehe extra Artikel).

Bekannteste Produktion aus den „Titanic Studios“ in Belfast dürfte das Fantasy-Epos „Game of Thrones“ sein, dessen finale Staffel derzeit dort produziert wird.

Belfast hat für alle etwas zu bieten: für Frühaufsteher, für Nachtschwärmer, für Kunstbeflissene, für Menschen, die sich einfach nur durch die Stadt treiben lassen wollen.

Zeitgeschichte spannend erzählt

Und sollte das Wetter einmal nicht so gut sein (was in Nordirland eher die Regel als die Ausnahme sein könnte), drängt sich ein Besuch im Ulster-Museum geradezu auf: Eintritt frei! Auf mehreren, verschachtelt angeordneten Stockwerken kann man hier der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Belfasts und Nordirlands nachspüren – und darüber hinaus. Das reicht von riesigen Saurierskeletten über eine echte ägyptische Mumie, Kunst und ausgestopfte Tiere bis hin zum rund 77 Meter langen Wandteppich, der die Geschichte des Fantasy-Epos „Game of Thrones“ in handgewebten Bildern erzählt.

Im Ulster-Museum kann man mehr über die Hintergründe und Folgen der „Troubles“ erfahren.

Beeindruckend ist die Abteilung, die sich mit den „Troubles“ beschäftigt und anhand von Einzelschicksalen das ganze Elend des Bürgerkriegs verdeutlicht und persönlich macht. Wer die Ausstellung in Ruhe erkundet, versteht, warum es noch viele Jahre dauern wird, bis die Menschen in diesem Land die blutigen Zeiten verarbeitet haben werden. Das Museum liegt im Botanischen Garten der Stadt und ist umgeben von blühenden Gartenanlagen.

Quasi in direkter Nachbarschaft liegt das „Palm House“, in dessen tropischen Temperaturen exotische Pflanzen gedeihen und schon im frühen April Narzissen, Osterglocken und weitere Frühlingsblumen einen betörenden Duft verströmen. „Mummy, it smells so good“, ruft denn auch ein kleines Mädchen beim Betreten des imposanten Baus. Erst im April nach einer gründlichen Renovierung wiedereröffnet hat die „Tropische Schlucht“ („Tropical Ravine“), ein Gebäude, unterteilt in eine tropische und eine subtropische Zone. Hier gibt es einen Wasserfall, man kann probeschnuppern an Gefäßen mit Kakao oder Kaffee – ein Fest für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Bei Sonnenschein laden Parkbänke und Rasenflächen in der Gartenanlage zum Spazierengehen und Verweilen ein,

Belfasts grüne Lunge: die Botanic Gardens mit dem Palmhaus aus dem 19. Jahrhundert.

und mit etwas Glück bekommt man die grauen Eichhörnchen zu Gesicht, die an den großen alten Bäumen auf- und abflitzen.

Unterwegs im „London Cab“

In Belfast gibt es keine U- oder S-Bahn. Dafür ist das Busnetz sehr gut ausgebaut, allerdings muss man meist umsteigen, wenn man in ein anderes Stadtviertel will. Wer Zeit hat, geht zu Fuß – und wer’s bequem will, leistet sich eine Fahrt mit einem der rund 1000 Taxis in der Stadt. Entweder man bestellt sich telefonisch eins bei einer der größeren Gesellschaften („Value Cabs“/“Fonacab“), oder man steigt in eins der an mehreren Stellen in der Stadt geparkten „London Cabs“, die berühmten schwarzen City-Taxis aus der britischen Hauptstadt, die während der „Troubles“ dafür sorgten, dass der öffentliche Verkehr in Belfast überhaupt aufrecht erhalten werden konnte. Mittlerweile sind einige dieser Autos in bunten Farben bemalt, sodass sie sich vom englischen Vorbild quasi emanzipiert haben. Taxifahren ist günstig, vor allem, wenn sich vier oder fünf Personen eins teilen (für umgerechnet rund zehn Euro kommt man meist durch die Stadt) und macht Spaß, denn die Fahrer sind auskunftsfreudig und geben gerne auch gute Tipps, was man unternehmen kann.

Pub-Besuch ist fast schon Pflicht

Das betrifft auch die Abendgestaltung. „Go to Kelly’s Cellars„, empfiehlt ein gut gelaunter alter Ire und verspricht Livemusik und tolle Atmosphäre. Der Pub, einer der ältesten in Belfast, hält das Versprochene. Von außen unspektakulär in der Nachbarschaft des modernen „Castle Court“-Einkaufscenters gelegen, entpuppt er sich im Innern als urige Location mit schweren dunklen Holztischen und einer Decken-Deko aus Pfannen und Töpfen. Dazu gibt’s irische Folkmusik, wahlweise aus Lautsprechern oder live, je nach dem Zeitpunkt des Besuchs.

Guter Tipp für einen Pub-Besuch: „Kelly’s Cellars“ bietet original irisches Ambiente.

Ebenfalls einen Abstecher wert ist der „Crown Liquor Saloon“ in der Nähe der Großen Oper. Dieser Pub erstrahlt nach einer Renovierung durch den „National Trust“ in den 80er-Jahren in neuem viktorianischen Glanz. Hier gibt es sogenannte „Snugs“, abgetrennte Sitzabteile, in die man sich zurückziehen kann.

Belfast blüht auf, und die Stadt – nein, ganz Nordirland – hat es verdient. Die Zeiger sind in Richtung Zukunft gerichtet, die Touristen kommen, und sie dürften nicht enttäuscht sein. Nun fehlt nur noch eine bessere Anbindung durch Direktflüge aus Deutschland. Hier fehlt es noch; die Anreise muss entweder mittels Umsteigeverbindung über Großbritannien oder Amsterdam erfolgen oder via Flug nach Dublin, von wo aus es dann mit Bus, Bahn oder Leihwagen weiter geht. Wer dies in Kauf nimmt, wird belohnt mit einer unverbrauchten, Besuchern offen stehenden Stadt. (bb)

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Irland – wo Tragik und Humor sich die Waage halten wie Regen und Sonne

28 Feb

2012 – Irland – das ist Guinness, das sind rothaarige, sommersprossige Menschen mit einem ganz besonderen “sense of humor”, das ist frische Seeluft und saftiges Grün, aber auch eine lebhafte, blutige Geschichte und die immer noch tiefe Verwurzelung im Glauben. So klein die Insel ist, so viele Facetten hat sie auch. Hier stellen wir heute die Beara-Halbinsel im äußersten Südwesten Irlands vor – die Küste war das letzte Land, das die Fahrgäste der legendären “Titanic” sahen, bevor sie zu ihrer verhängnisvollen Reise über den Atlantik aufbrachen.

„My land is too green…“, singt die Irin Mary Coughlan auf ihrem 1987 erschienenen Album „Under the influence“, und grün ist Irland immer noch. Auch wenn sich einiges im Lauf der Zeit geändert hat – manche Dinge bleiben bestehen. Die Kirchen auf dem Land sind sonntags immer noch voll, die schmalen Ortsdurchfahrten zugeparkt mit den Autos der Einheimischen – ohne fahrbaren Untersatz geht nichts hier im Südwesten der Insel. Besteht der Ortskern aus zehn Häusern, liegen in der Umgebung 50 weitere, verstreut wie die Schafe auf den Hängen ringsherum.

„Sunny spells and scattered showers“, ein weiterer Satz aus dem Song, der seine Beständigkeit behält. Wie Tragik und Humor sich im Gespräch mit den Iren die Waage halten, so wechseln sich Regenschauer und Sonnenschein ab. Als das Flugzeug über Irland gleitet, sind helle und dunkle Abschnitte auf dem bunten Flickenteppich aus Viehweiden und Steinmauern im Co. Kerry deutlich auszumachen: Beim einen regnet’s, während der Nachbar in die Sonne blinzelt.

„Storytelling“, das traditionelle Geschichtenerzählen, darin sind die Iren wahre Meister. Fließt abends im Pub erst einmal das Guinness, jene untergärige schwarze Flüssigkeit mit der cremig-weißen Schaumkrone obenauf, durch die Kehlen der Inselbewohner, fließen gleichwohl auch die Geschichten. Egal, ob es um die bitterarmen Arbeiter in den Kupferminen Kerrys geht oder den Bau des ersten 6-Stern-Hotels in Irland bei Castletownbere. Sechs Millionen Euro investierte eine große Hotelkette in den Wiederauf- und Umbau des historischen Dunboy Castle in eine Luxusherberge für ruhebedürftige Großverdiener. Von außen wirkt der imposante Prachtbau beinahe fertig, ebenso die zur Unterstützung der Finanzierung gleich dahinter gebauten Appartmenthäuser. Aber der Schein trügt: Die Bauarbeiten ruhen; die Investoren wären das Millionengrab inzwischen gerne wieder los. „Eine Schande, wie hier das Geld kaputt gemacht wird“, knurrt Vincey, ein Farmer in seinen 70ern, der – ganz untraditionell – an einer Flasche Ballydonegan-Mineralwasser statt am Guinness festhält.

Ein Ausflug zum Schloss lohnt trotzdem allemal. Die Lage ist einmalig schön, über der Bucht von Castletownbere gelegen, etwas zurückgesetzt auf einem Hügel. Ein schmaler Holperpfad plagt die Stoßdämpfer des Mietwagens, vorbei an einer kleinen Bucht, in der seit Jahrzehnten ein zerfallener Schiffsrumpf vor sich hin modert, flankiert von riesigen Bäumen, die der Urzeit entsprungen scheinen. „Jura meets Pirates of the Caribbean“ quasi. Neu ist das von weißen Engeln und frischen Blumen umgebene kleine Holzkreuz am Ufer. Vor einigen Jahren trafen sich Jugendliche aus der Gegend dort vor dem Schlossgelände, um den Abend ausklingen zu lassen. Eine harmlose Angelegenheit – im Übermut trat einer der Jungen das Gaspedal wohl etwas zu fest durch; das Auto stürzte über die Böschung und landete grade mal zwei Meter tiefer auf dem Dach im Wasser. Nur einen Meter tief war es – damals, bei Ebbe. Doch Colum, Shane und Fintan konnten die Türen nicht mehr öffnen und ertranken, während ihre Freunde am Ufer noch nicht einmal erfasst hatten, welche Tragödie sich da nur wenige Meter entfernt abspielte. In Plastik geschweißte Abschiedsbriefe zeugen von der Lücke, die der Tod der jungen Männer bei Angehörigen und Freunden hinterlassen hat.

Am Schloss vorbei führt der Pfad bis zur Landspitze, welche die Bucht überragt. Dort finden sich mit wilden Brombeeren überrankte Ruinen, geschmückt mit Gedenktafeln, die an den Widerstand gegen die englischen Invasoren im 17. Jahrhundert erinnern. Das sanft hügelige Gelände lädt an schönen Tagen zum Verweilen auf Wiesen und unter Bäumen ein.

Die Brombeeren haben auf der Beara-Halbinsel schon längst den Bäumen den Rang abgelaufen. Entlang der Straße, über die Steinmauern, überall, wo etwas zum Anhaften gegeben ist, wachsen und wuchern sie im Seewind unaufhaltsam vor sich hin und versprechen für den August reiche Ernte. Die abenteuerlichen Straßen, die sich durchs Gelände schlängeln, sind zumeist Singletracks mit Gegenverkehr. Wer hier fährt, braucht Mut, gute Nerven und Gottvertrauen: Kurve folgt auf Kurve; die Fahrbahn wird zumeist begrenzt durch Steinmauern oder mannshohe Fuchsienhecken. Brombeerranken kratzen schnell am Lack, wenn es eng zugeht – bei den Mietwagen-Vermittlern gilt dies nicht als Schaden… Trotz der halsbrecherischen Fahrweise von Einheimischen und Touristen scheint selten Schlimmeres zu passieren. Vielleicht hält ja Jesus Christus persönlich seine schützende Hand über die gläubigen Iren. Oder sind es doch die Fairys, die Feen, die in den Hügeln wohnen und sich an manchen Tagen in Form von geheimnisvoll auf den Wiesen tanzende Nebelschwaden oder als weiße Gischt, die ans Steilufer schlägt, zeigen? Gemeinsam mit den Kobolden geben sie auf Land und Leute Acht. Wehe, man ärgert sie! Wer von Castletown Richtung Westen fährt, muss über ein sehr kurviges Stück Straße fahren. Vor einigen Jahren sollte die Strecke begradigt werden. Doch wie die Einheimischen erzählen, passierten merkwürdige Unfälle – Maschinen gingen kaputt, Material fehlte, sogar ein paar Arbeiter kamen ums Leben. Die Feen hatten ganz offensichtlich etwas gegen das Bauvorhaben. Schließlich wurden die Arbeiten eingestellt; die Strecke bleibt kurvig, die Feen scheinen zufrieden…

Allihies, ein kleines Fischerdorf oberhalb der imposanten Ballydonegan-Bucht, kann mit einer langgezogenen Ortsdurchfahrt glänzen, in der sich alle Farben widerspiegeln. Das eine Haus ist lavendelblau, das nächste gelb, dann feuerrot und so fort. Vier Pubs gab es bis vor wenigen Jahren; mittlerweile sind es noch drei, die im Wechsel am Wochenende auch Live-Musik anbieten. Ist das Wetter schön, sind schnell Tische und Bänke vor die Tür gestellt, und jetzt, Mitte April, scheint die Sonne rekordverdächtig vom Himmel, so dass mittags um vier das Guinness im Freien schon gut mundet. Auf der anderen Straßenseite, zum Meer hin gerichtet, befindet sich der örtliche „Playground“, ein Spielplatz, der komplett umzäunt ist und auf dem sich Kinder und Jugendliche jeden Alters lautstark vergnügen. Ballspiele sind besonders gefragt – ohne Zaun wäre das runde Leder schnell auf dem Abhang Richtung Atlantik unterwegs. Traditionssportart ist „Gaelic Football“, eine rauhe Sportart, die in Irland dem „normalen“ Fußball eine klare Außenseiter-Position zuweist. Was bei der Fifa als grobes Foul gilt, ist im Irischen lediglich normaler Körpereinsatz; zeitweise dürfen auch die Hände eingesetzt werden; wer nach dem Spiel nicht nass und dreckig ist, hat auf dem Feld nichts verloren.

Der Playground ist auch abends noch belebt. Die Jugend spielt draußen, wenn das Wetter dazu taugt – Frost und Schnee kennt man hier nicht –, die Erwachsenen begeben sich in den Pub. Zwei Musiker aus Cork, sicherlich schon über 60, spielen auf. Keinen Folk; nein, Coversongs alter Rockhits von Queen über die Eagles bis Simon & Garfunkel. Angesichts der Lautstärke durch die mitgebrachten Verstärker wünscht man sich die alten Zeiten zurück, als die Session spontan mit Akustikgitarren und Bodhran gespielt wurde. Mittlerweile dürfen auch Frauen mit in den Schankraum; früher wurden sie auf bestimmte Plätze verwiesen oder gar nicht eingelassen. Der Pub als soziale Komponente, als Handelsplatz – hier wurden Geschäfte abgewickelt und per Handschlag und Guinness besiegelt; wer einen Handwerker oder Mechaniker brauchte, vereinbarte hier am Abend einen Termin – nur gut, wenn der Partner nicht so viel getrunken hatte, dass er die Vereinbarung am nächsten Morgen nicht vergessen hatte. In Zeiten des Internets und Telefons gerät dieses Gebaren allerdings langsam in den Hintergrund. Trotzdem sind die Kneipen zumindest an den Wochenenden voll – was soll man sonst auch tun am Abend? Und das Bier ist im Laden fast ebenso teuer wie im Pub. Dennoch: Die Wirtschaftskrise, die Höhenflug und Bauboom Irlands folgte, hat auch hier draußen im Südwesten ihre Spuren hinterlassen; das Geld sitzt nicht mehr locker in der Tasche.

Wer auf Beara Urlaub macht, muss wandern. Ein absolutes Muss! Das Panorama mit den schroff abfallenden Steilklippen, den Felsen, die von wilder Gischt umschäumt werden, ist einzigartig. Im Hinterland eindrucksvolle Hügel, moosgrün bewachsen, mit hunderten von Schafen am Hang. Jetzt, im April, blüht der Stechginster und treibt blumiges Aroma durch die frische Seeluft. Die ganze Natur streckt sich einem neuen Jahr entgegen – Lämmer, Fohlen, Kälber machen zaghafte erste Gehversuche auf den saftigen Weiden. Welch ein Unterschied zu den dunklen Viehställen in Deutschland. Eine irische Kuh würde wahrscheinlich keine Woche dort überleben.

Aber es ist noch gar nicht so lange her, da müssen sich die Menschen in dieser Gegend eingesperrt vorgekommen sein. Stichwort: Minenbau. Die großen Kupferreserven im felsigen Grund wurden ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts rücksichtslos ausgebeutet. Überall auf der Halbinsel fraßen sich Minenschächte durch den Basalt, so dass die Hügel um Allihies unter den grünen Felsen einem Schweizer Käse gleichen. Einige der „Engine Houses“ stehen noch als Zeugen einer Zeit, in der Männer, Frauen und Kinder bis zu 16 Stunden am Tag mit Hammer, Meisel und Schwarzpulver das Metall aus den Felsen holten. Über wacklige Holzleitern kletterten sie mehrere hundert Meter in die Tiefe, um in der Dunkelheit und Kälte im knietiefen Wasser stehend dafür zu sorgen, dass die Reichen noch reicher wurden. Das „Man Engine House“ erhielt Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art Personenaufzug. Ermöglicht wurde das durch den Schlossherrn von Dunboy Castle, dem Herren Puxley. Natürlich standen keine humanitären Motive im Vordergrund, sondern die Überlegung, dass es Zeitverschwendung war, die Arbeiter erst 50 Minuten lang (!) auf den Leitern in die Tiefe steigen zu lassen. Wertvolle Arbeitszeit ging so verloren. Mit der „Man Engine“ ermöglichte man ein Arbeiten in bis zu 430 Metern Tiefe – mehr als 200 Meter unter Meeresniveau… das Wasser wurde mithilfe von Dampfmaschinen abgepumpt. Für die bitterarmen Arbeiter musste es die Hölle gewesen sein, und es gab viele Todesopfer durch Abstürze, bröckelnde Felsen, gefährliche Infektionen oder – besonders grausam – wenn einer in die Stampfmühle geriet. Im „Coppermine Museum“ in Allihies kann die Geschichte des Kupferabbaus genau unter die Lupe genommen werden.

Heute ist der „Coppermining Trail“ ein beliebter Wanderweg. Wobei „Wanderweg“ nicht unbedingt wegsam bedeutet. Teilweise stehen die Wiesen, über die er führt, tückisch durch Grünzeug getarnt unter Wasser – nasse Füße sollten als normal betrachtet werden. Es geht steil bergab und -auf über rutschige Felsen, durchs Brombeergestrüpp und über kleine Bäche. Hier ist gute Koordination gefragt; für Kinder ist ein solcher Trekkingpfad besser als jedes Zirkeltraining in der Schule. Immer wieder finden sich kleine, flache Teiche in der Landschaft – Überreste der Wasserreservoirs, die für die Kupfergewinnung gebraucht wurden. Auch der breite Strand von Allihies – Ballydonegan Beach – besteht aus dem Quarzsand, der bei der Kupfergewinnung übrig blieb.

Echten Muschelsand findet man hingegen in Garnish, nur wenige Kilometer weiter am nächsten Meereseinschnitt der Bantry Bay. Idyllische Strandbuchten mit tiefblauem Wasser und wunderschönem Panorama auf die Hügellandschaft der gegenüberliegenden Buchten, daneben ein Boots-Pier. Wer will, hängt seine Angel einfach von einem der Felsen ins Wasser und hofft, gleich das Mittagessen an Land zu ziehen. Am Strand spielen bei Windstille schon im April die Kinder in der Frühjahrssonne, und auch ein kleines Bad im 10 Grad kalten Atlantik ist nicht ausgeschlossen. Weiter geht die Fahrt noch ein Stückchen westwärts, wo die Straße am Dursey Head endet. Nur ein kleines Stück Meerenge trennt Dursey Island vom Rest der grünen Insel. Das bewohnte Eiland ist ein Wanderparadies, das allerdings nur auf dem Luftweg erreicht werden kann: Die einzige Seilbahn Irlands führt in 30 Metern Höhe hinüber. Keine angenehme Aussicht für Höhenängstliche.

Wer tags viel unterwegs ist, muss auch essen. In Irland sind Restaurants sehr teuer; eine günstige Alternative ist ein Zwischenstopp in einem der zahlreichen Pubs. Richtiggehend berühmt ist MacCarthy’s Bar in Castletown. Die rote Fassade der Kneipe ist auf dem Cover des gleichnamigen Bestsellers zu finden, in dem der (englische) Autor gleichen Namens seine Reiseerinnerungen über die grüne Insel auf unnachahmlich britisch-humorvolle Art verarbeitet. Bei Adrienna und ihren Angestellten – der einzige nur von Frauen umgetriebene Pub Irlands! – gibt es leckere Sandwiches, gefüllt mit Seelachs, Käse oder Salat. Unbedingt getoastet bestellen! MacCarthys war früher auch ein Gemischtwaren-Laden – so wie viele Pubs. Man konnte sein Bierchen trinken und aus dem Regal gleich ein paar Konserven fürs Abendessen mitnehmen. Wer ein schönes Souvenir sucht: Hier gibt es den Bestseller zu kaufen und ein original MacCarthys-T-Shirt. Bei schönem Wetter stehen Tische und Bänke auf der Straße vor dem Pub – bislang ist angeblich noch nie jemand von den knapp vorbeifahrenden Autos überfahren worden.

Die Beara-Halbinsel ist übrigens ein beliebter Drehort für Filmteams aus aller Welt. „Falling for a Dancer“ wurde hier gedreht; auch das Set zu Colin Farrells Streifen “Ondine” machte hier Station. Die Verkäuferin im Kleiderladen erzählt, dass der ganze Shop umgeräumt wurde für die Dreharbeiten. „Ich bin extra an meinem freien Tag hergekommen – das wollte ich sehen!“  Auch deutsche Filmteams wissen die wildromantische Szenerie der Beara-Halbinsel zu schätzen: Auf Dursey Island wurde für den neuen Rosamunde-Pilcher-Film gedreht. Abends kehrt man dann bei Adrienna ein. Eine Filmklappe am Regal zeugt von der Beliebtheit des Pubs.

Und wer absolute Ruhe braucht, sollte vielleicht einen Abstecher ins buddhistische Zentrum machen. Topmanager und andere gestresste Menschen können hier gegen das nötige Kleingeld zu ihrer inneren Mitte zurückfinden. Erst einmal muss man jedoch zu dem auf halbem Weg zwischen Castletown und Allihies gelegene Zentrum hinfinden! Der schmale Holperpfad scheint ins Nirgendwo zu führen, bevor irgendwann hohe Fahnenmasten mit klein geschriebenen Lebensweisheiten auf dem flatternden Segeltuch den Pfad der Erleuchtung weisen. In einer atemberaubenden Lage hunderte von Metern über dem Meer an den Steilhang geklatscht steht dann das weiße Gebäude am Ende des Wegs. Im Meditationsgarten bieten sich Ausblicke an exponierter Stelle wie sonst nirgendwo auf der Insel. Und wer möchte, kann um die „Skulpa“, ein asiatisches Gebetsmonument, herumgehen und dabei meditieren, während über seinem Kopf kleine bunte Gebetsfahnen flattern. Ich habe es nicht gebraucht. Mein Kopf war auch so von der frischen Atlantikbrise klar.

Reiseinformationen Irland

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