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Zwischen Sand und Meer: Ägyptens Süden ist mehr als eine Reise wert

24 Sep

Flughafen Marsa Alam, mitten in der Wüste. Dreieinhalbtausend Kilometer vom Flughafen Stuttgart entfernt sitzen wir im Minibus unseres Reiseveranstalters und warten darauf, dass es Richtung Hotel geht. Unser Fahrer wuchtet einen nach dem anderen der schweren Koffer durchs hintere Seitenfenster in den Fond des Fahrzeugs, stapelt höher und höher – bis das letzte Touristenpärchen einsteigt und sich beunruhigt umdreht. „Wenn der bremsen muss, haben wir die Koffer im Kreuz“, mault sie. Unser ägyptischer Reiseleiter hört’s, es folgt ein längeres Palaver mit dem Fahrer auf Arabisch. Das Ende der Geschichte: Missmutig lädt Letztgenannter die Koffer einen nach dem anderen wieder durchs Seitenfenster aus und packt die Reisetaschen auf die Dachreling. Das dauert, der Schweiß läuft uns trotz Klimaanlage in Strömen über die Stirn. Was soll’s – wir haben Urlaub, wir haben Zeit. Willkommen in Ägypten!

stegZur Rechten Sand, so weit das Auge reicht, zur Linken tiefblaues Wasser, das in mehreren Schattierungen leuchtet – mehr ist da nicht im Gebiet südlich des Flughafens von Marsa Alam. In der Ferne erheben sich Sandberge, dann und wann passieren wir ein Hotel an der Küste oder eine von Staub und Sand bedeckte kleine Siedlung. Das südliche Ägypten wurde erst nach der Jahrtausendwende vom Tourismus wachgeküsst, als ein kuweitischer Scheich in den Bau des Flughafens rund 50 Kilometer südlich des Fischerdorfs Marsa Alam investierte und wenige Kilometer daneben die Kunststadt Port Ghalib erschuf, mit Kanälen, an denen Platz für tausend Tauch- und Ausflugsboote ist.

Es folgte ein Bauboom ohnegleichen, dutzendweise entstanden große Hotelbauten rund um Marsa Alam entlang der Küste – doch die meisten von ihnen endeten als Bauruinen, die dem Wüstenwind trotzend fensterlos ihr Dasein fristen. Ihren Erbauern ging entweder das Geld aus – oder sie gehören kuweitischen Investoren, die nach der Revolution 2011 und den nachfolgenden politischen Unruhen lieber die Finger von weiterem finanziellen Einsatz ließen. Die Lage auf der arabischen Halbinsel bleibt instabil, doch während die Touristen den Pyramiden und dem Tal der Könige weitgehend den Rücken gekehrt haben, können sich die etablierten Hotels an der Küste halten.

riff4Der Hauptgrund dafür liegt unter Wasser. Hier im Süden, kurz vor der Grenze zum Sudan, ist die Welt unter der Oberfläche noch weitgehend in Ordnung. Schroff zum Meeresboden abfallende Saumriffe beherbergen zahlreiche Korallenarten, zwischen denen sich bunte Doktorfische, Muränen und gelegentlich auch mal ein kleiner Riffhai tummeln. Manche Bucht beherbergt ein Dugong, also eine Seekuh, und die zur Touristenattraktion Sataya verkommene Bucht hat fast schon eine Delfingarantie vorzuweisen. Das südliche Ägypten – ein Traum für Taucher, Schnorchler und Strandläufer.

hotelUnser Hotel, das Gorgonia Beach, liegt irgendwo „am Arsch der Welt“, wie es unser Reiseführer dezent ausdrückt, nicht ohne zu beteuern: „Aber es ist ein sehr schöner Arsch.“ Da hat er Recht. Die übersichtliche, zweigeschossige Anlage ist eine kleine Oase in der Wüste mit klimatisiertem Empfangsbereich, Gartenanlage und großem Pool. Die Zimmer sind riesig, der Weg zum Strand kurz. Doch wer braucht schon den Strand – wichtiger ist der rund 150 Meter lange Holzsteg, der zur Riffkante führt. Über zwei Leitern oder einen beherzten Sprung aus zwei Metern Höhe geht es ins warme Wasser – Mitte September sind die Temperaturen mit rund 28 Grad fast schon auf Badewannen-Niveau. Unter der Oberfläche warten schon erwähnte Korallenbänke am Saumriff und große Korallenblöcke auf den menschlichen Besucher, tummeln sich kleine und größere Fische, gelegentlich auch ein Oktopus oder ein Blaupunktrochen im klaren Blau.

hotelstrandDraußen am Strand kann man über die Grenzen der Anlage hinausflanieren. Alle hundert Meter trifft man auf einen improvisierten Unterstand im Sand. Dort bieten Beduinen Schmuck an: Armbänder mit Kunststoffperlen, Plastikblümchen oder aus Holzelementen sowie Halsketten halten sie feil; wer möchte, kann sich eins nach Wunsch anfertigen lassen. Für ein paar Euro erhält man die Arbeit einer Dreiviertelstunde, ein Lächeln und eine Menge zusätzliche Kettchen dazu geschenkt. Unter den Verkäufern sind auch drei kleine Mädchen, die älteste vielleicht elf, die jüngeren unter acht Jahre alt. „Die Schule beginnt erst im Oktober“, sagen sie – doch welche Schule? Die nächste ist in Marsa Alam, 50 Kilometer entfernt. Das erzählt uns Sonia, die Masseurin aus Kairo, die täglich am Strand entlanggeht und versucht, Kunden anzulocken. Nein, ich will keine Massage, doch Sonia gibt trotzdem eine Kostprobe ihrer Kunst. Mein Nein akzeptiert sie dann doch und erzählt aus ihrem Leben, von ihrem Mann, der acht Jahre in Italien gelebt hat und ihre Berufstätigkeit akzeptiert, von ihrem kleinen Sohn, zu dem sie täglich die 50 Kilometer nach Marsa Alam heimfährt, davon, dass ihre Verwandten in Kairo mit einem Bruchteil des Geldes klarkommen müssen, das sie im Hotel-Spa verdient. „Da gibt es dann halt nur Fladenbrot und Bohnen zu essen“, sagt sie – kein Leben, das sie führen will.

Wem das Riff des Gorgonia nicht genug bietet – und es bietet viel für Schnorchler und Taucher gleichermaßen – der kann an der Tauchbasis Ausflüge buchen. So fahren wir nach Marsa Egla („Marsa“ bedeutet Bucht). Dort gibt es angeblich ein Dugong, eine Seekuh. Die Ausflügler teilen sich in Schnorchler und Taucher auf und machen sich auf der Seegraswiese im Wasser auf die Suche nach dem großen grauen Tier. Die Taucher gehen leer aus, die Schnorchler haben Glück: Die gutmütig dreinschauende Seekuh schwebt schon nach kurzer Zeit vor ihnen her, scheint milde zu lächeln beim Anblick der Touristen.

Zurück an Land, erwartet uns ein ungewohnter Anblick. Eine ägyptische Familie hat sich neben unserem Lager am Strand niedergelassen. Zahlreiche Kinder und Jugendliche planschen ausgelassen im seichten Wasser; die Mädchen unter ihnen tragen volle Bekleidung – Jeans, Sweatshirt, Kopftuch. Der Spaß ist groß, der Lärmpegel auch. Drei Frauen machen es sich im Sand auf Klappstühlen bequem, die älteste unter ihnen stellt den Stuhl und ihre vom langen Gewand bedeckten Füße direkt ins Wasser. Dort beobachtet sie zufrieden das Treiben im Wasser, über ihrem Kopf einen weißen Sonnenschirm haltend zum Schutz gegen die Hitze.

Ein weiterer Ausflug führt uns zum Wrack der Abu Ghusun. Der Frachter sank in den 80er-Jahren am Rand einer malerischen Bucht; mittlerweile haben Korallen auf seinen Überresten gesiedelt und einen neuen Lebensraum für die Fische geschaffen. Gespenstisch erscheinen die Umrisse des aus 18 Meter Tiefe aufragenden Schiffs-Torsos beim Näherkommen durch die Taucherbrille; das Schiff scheint zu singen, zu klagen im Wogen des Meeres.

Zurück im Hotel. Wer genug vom Entspannen im Liegestuhl am Pool oder am Strand hat, kann zur Abwechslung auch eins der Korallenbecken des Innenriffs aufsuchen. Dort ist das Wasser zwar ein bisschen trübe, doch auf dem hellen Sandboden kann man erstaunliche Entdeckungen machen. Mit etwas Glück lassen sich die Schildkröten blicken, Gitarrenrochen ziehen elegant ihres Wegs, und neben dem riesigen Stachelrochen lässt sich in gebührlichem Abstand eine schwarze Muräne im Sand nieder. Nur einer lässt sich nicht blicken: Der große alte Barrakuda, der im größeren der beiden natürlichen Becken leben soll. Egal – vielleicht klappt es ja beim nächsten Besuch. Denn das südliche Ägypten ist definitiv mehr als eine Reise wert. (bb)

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Hurghada: Wie ein Fisch im Aquarium

28 Feb

Unsere Ankündigung, in den Herbstferien nach Ägypten reisen zu wollen – genauer gesagt, nach Hurghada – hat im Bekanntenkreis sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Ein Teil erhob die Stimme in sehr mahnendem Tonfall: „Ihr werdet Durchfall bekommen, abgezockt werden und nicht aus der Hotelanlage rauskönnen, weil überall Sicherheitspersonal mit MGs rumsteht. Außerdem sind alle Riffe um Hurghada herum kaputt, da seht Ihr so gut wie nix!“ Letztere Aussage bezog sich auf unseren Wunsch, als Tauchneulinge mal etwas anderes als Karpfen und Hechte im Baggersee zu sehen. Der andere Teil unserer Freunde hingegen sagte: „Hurghada? Super! Glasklares Wasser, Sonnengarantie – wird Euch gefallen!“

Kein Wunder, dass uns gemischte Gefühle auf dem Flug ins nördliche Afrika begleiteten. Während die Sonne am Horizont verschwand, bekamen wir einen Eindruck von der Weite der arabischen Wüste 10.000 Meter unter uns. Heiß. Sonnig. Trocken.

Wer zum ersten Mal nach Ägypten reist, hat zumeist einige Vorbehalte über dieses Land im Gepäck: Heiß ist es da, und die Menschen helfen nur gegen „Bakshish“, das obligatorische Trinkgeld. Alles geht langsamer voran als in Europa, die Hotelzimmer sind nicht so sauber, neben Sonne satt gibt es Durchfallerkrankungen mitgeliefert. Der Flughafen, waren wir gewarnt worden, stehe unter strengsten Sicherheitskontrollen, wäre alt und völlig unzureichend. Abfertigung wäre chaotisch und würde ewig dauern. Pustekuchen. Hurghada Airport wurde in den vergangenen Jahren einer Schönheitskur unterzogen, die Abfertigung erfolgt um einiges schneller als z. B. auf dem Airport London Stansted, und schon nach 20 Minuten stehen wir mit unseren Koffern am Ausgang, wo uns die Reiseleitung in Empfang nimmt.

Freundliche Hände helfen uns, das Gepäck in den Bauch des modernen Busses zu laden. Natürlich gegen Bares – Scheine werden bevorzugt! Der erste 5-Euro-Schein geht dahin und beschert vermutlich einer ägyptischen Familie ein opulentes Abendessen. Die Fahrt zum Hotel im Dämmerlicht wirkt bizarr: Der Stadtteil Sekalla mit der neuen Marina könnte auch in Dubai liegen. Neu geflieste, breite Flaniermeilen, prächtige Hotels, ein neu erbautes Hospital, Palmen… alles vom Feinsten. Nur wenige Kilometer außerhalb wandelt sich das Bild: Die Straßen werden schlechter, die Gehwege schmäler, die Häuser schäbiger. Appartmenthäuser, fast im Rohbauzustand, säumen unseren Weg; auf Betonbalkonen sitzen junge Männer in der lauen Nacht und rauchen Shisha, Wasserpfeife. Zur Rechten tauchen wiederum Hotels in der Dunkelheit auf, dann eine moderne Ladenzeile – und unser Hotel, das „Arabia Azur“. Die Großzügigkeit ägyptischer Touristenunterkünfte beeindruckt. Eine Empfangshalle tut sich vor uns auf mit zahlreichen Sitzmöglichkeiten, einer offenen Galerie und breiten Treppen. Ankunft in 1001 Nacht – nur ohne Scheherezade. Hintern Empfang erwarten uns ernst dreinschauende Männer im Anzug. Das Zimmer, verborgen hinter zahlreichen verwinkelten Gängen, vorbei am Pool, ist ein Traum. Alt, ja, und an ein paar abgeplatzten Fliesen darf man sich nicht stören, jedoch: Wir sind in Afrika, hier gelten andere Maßstäbe. Dafür besticht die Großzügigkeit des Raums, die Farben, der Ausblick von der kleinen Terrasse direkt auf die künstlich angelegte Sandlagune. Hier ist die Klimaanlage kein Luxus, sondern für sonnenentwöhnte Mitteleuropäer fast schon ein notwendiges „must have“.

Das „Arabia Azur“ mag in die Jahre gekommen sein, doch es punktet vor allem mit einem: dem direkten Zugang zum hauseigenen Korallenriff, das über einen langen Damm bequem erreicht werden kann. Über eine Leiter klettert man ins Wasser – Ende Oktober hat dieses noch mollige 27 Grad –, und wer sich mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen bestückt hineinplumpsen lässt, wird direkt in ein gigantisches Aquarium geworfen. Unter den Füßen befinden sich rund zehn Meter klarsten Meerwassers, das den Blick auf den sanft abfallenden Sandboden zulässt; bunte Fische kreuzen den Weg des neugierigen Schnorchlers, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Mit etwas Glück entdeckt der Unterwassertourist eine Muräne, die sich träge aus den Felsen hängen lässt, oder der kleine Blaupunktrochen flitzt vor einem her durch die zwar leider schon zum Teil zerstörte, aber immer noch faszinierend bunte Korallenwelt. Wer die Magie dieses Unterwasserreiches einmal erlebt hat, ist ihr verfallen.

Wer mehr sehen will, kann mit den Tauchbooten der hauseigenen Dive-Base aufs Meer hinaus fahren. Ob im sanften Drift bei den Giftun-Inseln, an einem der zahlreichen Wracks im Roten Meer oder an einem der zahlreichen Riffe vor der Küste Hurghadas – Steinfische, Rochen und Muränen sind alltägliche Gäste und lassen sich mit stoischer Gelassenheit bestaunen. Der Großfisch allerdings hat die Gegend verlassen – zu viel Trubel für den scheuen Hai. Dafür lassen sich gelegentlich Delphine blicken und schwingen ihre Leiber aus den Fluten.

Wer genug vom salzigen Meer hat, kann den Nachmittag im Schatten eines Liegestuhls am Pool verbringen. Hier ist meist wenig los, denn die Konkurrenz des riesigen Naturaquariums ist doch zu groß. Während einheimische Strandläufer Massageangebote verkaufen wollen und lokale Anbieter Ritte auf dem Banana-Boat anbieten, gibt es im Hotel die Möglichkeit, Ausflüge zu den Pyramiden oder mit dem Quad ins sandige Hinterland zu buchen. Die saftig-grüne und gepflegte Hotelwelt hört auf der anderen Seite der Straße auf; hier beginnt das wahre Ägypten, das abseits des fruchtbaren Nildeltas vor allem ein Gesicht hat: Das der Wüste.

Am Abend beginnt die Stadt zu leben, und im Basar stellen sich die Einheimischen darauf ein, den Touristen allerlei Mitbringsel aufzudrängen, und dies in teilweise in aus westlicher Sicht recht aufdringliche Art und Weise. Handeln ist angesagt. Wer dies nicht tut, wird vom Verkäufer höchstens misstrauisch beäugt, denn das Handeln ist fester Bestandteil der arabischen Kultur. Deshalb erfordert Einkaufen auf die ägyptische Art zumeist ein wenig Vorbereitung. Bevor man sich als Anfänger in den Trubel des großen Basars in Sekalla stürzt, sollte man erst einmal im meist vorhandenen Hotelbasar das Handeln üben. Dabei kann es einem passieren, dass man vom Ladenbesitzer erst einmal Malventee angeboten bekommt – und einen Zug aus der Shisha, der Wasserpfeife obendrauf. Letzteres darf man ablehnen; den Tee anzunehmen ist hingegen ein Gebot der Höflichkeit. Man hat ja Zeit. Was in unseren Breiten als „Erlebniseinkauf“ bezeichnet würde,ist in Ägypten nur Zeichen der arabischen „Entschleunigung“ des Lebens.

An das mystische Ägypten der Pharaonen erinnert in Hurghada nichts; längst arbeiten die Pharaonen wie Nofretete und Tut-Ench-Amun für die Tourismusindustrie, zieren Handtücher, T-Shirts und reihen sich neben Miniaturpyramiden in Holz, Glas und Plastik auf. Das glücksbringende Auge des Horeb gibt es schon für 10 ägyptische Pfund – umgerechnet 1,25 Euro – als Armband. In den Läden spricht man englisch, deutsch und neuerdings auch russisch – viele der Angestellten sind Studenten aus Kairo, die hier eine Zeit lang jobben. Wer den selben Verkäufer aus dem Laden an der Ecke auf einmal ganz woanders wiedersieht, sollte sich nicht wundern: Man kennt sich untereinander, und das Personal geht den Kunden nach, verkauft im Auftrag und auf Kommission.

Lohnende Einkäufe sind vor allem Textilwaren. Ägyptische Baumwolle ist Markenware; in den Geschäften türmen sich Handtücher und Gewänder in aller feinster Qualität. Auch Gewürze sind in Hülle und Fülle vorhanden, und die Shisha aus buntem Glas macht sich gut als Mitbringsel für die Erinnerung an den Urlaub am Roten Meer.

Hotel Arabia Azur, Hurgada

Nützliche Reiseinformationen Ägypten

Reiseinformationen Hurgada

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