Kimi, der Polarfuchs, will leben

18 Nov

Irgendwann in den 80ern hat ein Umdenken in der Modewelt begonnen. Auf einmal war es mega-out, sich im Pelzmantel zu zeigen; es gab Demonstrationen vor Pelzfachgeschäften, und so mancher Farbbeutel landete auf den teuren Designerstücken reicher Frauen.

Es wurde ruhig um den Bekleidungsstoff Pelz. Doch langsam, ganz langsam hat sich die Pelzindustrie ihr Terrain zurückerobert. Zwar zieren sich immer noch viele Menschen, im Pelzmantel die Runde zu machen, doch Pelz findet wieder statt im Alltag – an Westen, als Besatz an Mützen oder an Stiefeln, im Futter einer Jacke usw. Manchmal ist das Tierhaar bunt gefärbt, manchmal chemisch so aufgearbeitet, dass nicht erkennbar ist, ob es nun echt ist oder nicht. Und der Konsument? Er fragt nicht nach, kauft unkritisch das, was im Kaufhaus an der Stange hängt.

Doch der Protest lässt nicht auf sich warten. Zum Glück! An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich in dieser Sache nicht neutral schreiben kann. Zu sehr leide ich mit den Tieren, die für die modischen Kapriolen ihr Leben lassen müssen. Anders als Nutzvieh, das für die Fleischproduktion großgezogen und getötet wird und bei dem das Leder nur ein Nebenprodukt ist, das man zu Schuhsohlen & Co. verarbeiten kann, werden Pelztiere ganz allein für den einen Zweck gezüchtet, ihres hübschen Felles wegen umgebracht zu werden.

Ist schon seltsam: Wir streicheln unsere Katze, unseren Hamster und den Hund – und kleiden uns in totes Tier. Warum eigentlich? Ist diese Mode wirklich so schön, dass sie es rechtfertigt, Millionen unschuldiger Wesen in kargen, engen Gitterkäfigen zu halten, nur um ihnen buchstäblich das Fell über die Ohren zu ziehen?

Nein. Menschheit, so grausam kannst Du doch nicht wirklich sein. Mensch, wach auf! Wenn Du schon nicht auf Fleisch verzichten magst, dann mache wenigstens dem unwürdigen Treiben auf dem Modemarkt ein Ende! Und lass Dich nicht täuschen von der Bezeichnung „Kunstpelz“, denn so mancher Kunstpelz ist in Wirklichkeit doch echt. Auf der Internetseite „Kunstpelz ist echt“ wird beschrieben, wie Hunde- und Katzenfelle aus China ihren Weg in deutsche Modegeschäfte finden. Das kurze Leben, das den Tieren vergönnt ist, vermag man sich nicht vorzustellen; wer den Anblick aushält, findet auf der Seite genug Anschauungsmaterial, das einem das Fürchten lehrt.

Doch nicht nur in China wird Pelz „produziert“. In Finnland beispielsweise züchtet das Unternehmen „Saga Furs“ unter anderem Polarfüchse für Produkte des Modelabels „Burberry“. Letzteres wirbt damit, dass seine Felle tierschutzgerecht hergestellt würden. Doch Film- und Fotoaufnahmen verheißen das Gegenteil – enge Drahtkäfige ohne Rückzugsplatz und ohne festen Boden zeichnen ein anderes Bild. Ein kleiner weißer Polarfuchs mit dem Namen Kimi ist zum Symbol der jüngsten Anti-Pelz-Kampagne der Tierschutzvereinigung „Vier Pfoten“ geworden. Kimi gehört zu den Tieren, die jetzt im November getötet werden sollen, um ihren prachtvollen Pelz an modische Kleidungsstücke und Accessoires abzutreten. Mehr als 250.000 Menschen haben über das Internet bereits ihre Empörung über die Pelzzucht kundgetan und zu Kimis Rettung aufgerufen.

Ein riesiger Shitstorm ist über Burberry hereingebrochen – bislang ohne erkennbare Reaktion des Modelabels. Doch Burberry ist bei weitem nicht der einzige Fabrikant, der Echtpelz in der Produktion verwendet. Fast in jedem Modegeschäft, fast bei jedem größeren Online-Anbieter finden sich pelzverbrämte Mäntel und Jacken, Schlüsselanhänger, Stiefel und mehr.

Der Konsument hat es in der Hand. Nimmt er das Angebot nicht wahr, sinkt die Nachfrage. Vielleicht ist es dann zu spät für Kimi, den hübschen weißen Fuchs mit den dunklen Knopfaugen, der fragend in die Kamera zu schauen scheint. Doch vielleicht ist es eine Chance für die kommenden Generationen von Pelztieren, die dann hoffentlich dort leben können, wo sie hingehören: In der Natur, unbehelligt von Menschen, die ihnen nach dem Fell trachten.

Wer die Geschichte von Kimi erfahren möchte, kann sich z. B. auf seiner Facebook-Seite informieren. (bb)

Mallorca in vier Tagen – nix wie weg vom Ballermann

9 Nov

Vier Tage Mallorca im Oktober – wir sind Ersttäter und haben keine rechte Ahnung, was da auf uns zukommt. Nur eines wissen wir mit Sicherheit: Wir wollen möglichst weit weg von Ballermann und Konsorten. Urlaubsorte wie Palma, Cala Ratjada oder die Bucht von Pollenca sparen wir daher gleich mal aus – zu viele Hotels, zu viele Touristen.

Colónia de St Jordi heißt unser Ziel auf der Balearen-Insel. Ganz im Süden, mit offenen, wilden Stränden. Unser Hotel liegt auf einer Felsklippe, mit Badesteg ins Meer. Doch der Reihe nach… Nach der Landung in Palma geht es mit dem Mietwagen eine knappe Dreiviertelstunde durchs Land. Wir sind überrascht: „Malle“ bietet jetzt, am Ende der Saison, angenehm leere Straßen, relativ viel Grün und viele zauberhafte kleine Windmühlen. „Hübsch“, denken wir – so gar nicht das, was wir erwartet hatten. Auch in Colónia scheinen die Uhren anders zu ticken, etwas langsamer – trotz der vielen Hotels und Ferien-Appartements. Keine Massen an Menschen, selbst der eigentlich überlaufene Traumstrand Es Trens, den wir am ersten Tag besuchen, ist lange nicht so voll wie erwartet. Das Wasser: kristallklar und fast karibikfarben bei 25 Grad. Die Luft: mit 28 Grad hochsommerwarm. Was will man mehr?

Nun ja, man will die Insel sehen, sie kennenlernen, ihr nachspüren. Mit dem Auto geht’s zum 20 Kilometer entfernten Cap de Ses Salines. Hier, am äußersten Südzipfel der Insel, branden die Wellen unterhalb des Leuchtturms temperamentvoll an die Felsen. Kleine Steine wurden zu Türmchen aufgeschichtet – wer hat das gemacht, und vor allem: warum? Über einen Küstenpfad wandern wir eine halbe Stunde in der morgendlichen Hitze bis zum Platja Es Caragol, dem Schneckenstrand. Außer uns ist nur noch eine Familie in der langgezogenen Sandbucht zu sehen. Wellen umspülen unsere Füße, und bald schon wagen wir uns hinein ins wunderbare Nass. Im Verlauf der nächsten Stunden trudeln noch 20, 30 Leute ein – hierher kommt nur, wer nicht zu faul zum Wandern ist. Die einen baden in Textil, die anderen nackt. Wen stört’s? Platz ist genug; der Nebenmann ist 20 Meter entfernt…

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Es Trens, Es Caragol… Wir brauchen Abwechslung. Am nächsten Tag geht es eine Stunde Richtung Norden bis nach Manacor und von dort weiter Richtung Küste nach Porto Christo. Dort begeben wir uns unter Tage, in die Cueva Drach, die Drachenhöhle. Hier verzaubern Tausende und Abertausende Tropfsteine in allen Größen die Besucher. Am Ende der halbstündigen Begehung auf bequemen Pfaden wartet ein ganz besonderes Spektakel auf uns: An einem unterirdischen Salzsee schweben beleuchtete Ruderboote durch das Dunkel. Auf einem musiziert ein vierköpfiges Orchester Klassik, und rund zehn Minuten später wird es langsam hell. Kitsch as Kitsch can – und ganz einfach wundervoll!

An der Ostküste entlang trudeln wir wieder abwärts in den Süden. Eine „Cala“ wechselt sich hier mit der nächsten ab. Die hübschen Buchten haben oft Sandstrände, manchmal auch nur Felsen zu bieten – immer jedoch sind sie einen Besuch wert. Wir haben das Glück, uns zu verfahren: Statt in der Cala Llombarts landen wir an einer Treppe, die auf 120 Stufen hinab zur Cala Almunia führt – ein Paradies, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Am Ende der Treppe liegt zur Rechten ein winziger Sandstrand, „dekoriert“ mit einigen kleinen, teils kaputten Ruderbooten und leider auch etwas Plastikmüll. Dennoch ist die Sandbucht hübsch. Der Knaller indes liegt auf der linken Seite: Eine pittoreske Ansammlung alter Fischerhäuschen – kunterbunt gemischter Baustil, mehrere kleine Bootsslips und ein Fotograf, der gerade nackte Schönheiten vor einer roten Sandsteinwand ablichtet. Sorry, Ihr Hübschen: Der Ort, an dem Ihr fotografiert werdet, ist noch tausendmal schöner als Ihr…

Die Cala Almunia, eine der letzten unbewirtschafteten Buchten an der Ostseite Mallorcas.

Die Cala Almunia, eine der letzten unbewirtschafteten Buchten an der Ostseite Mallorcas.

Über schlüpfrige Steine gelangt man hier in atemberaubend klares Wasser, denn ein Großteil der Bucht verfügt über hellen Sandboden. Neugierige kleine Fische begleiten uns beim Schnorcheln, und eigentlich will man gar nicht mehr raus aus dem Wasser. Doch damit ist unsere Entdeckungsreise noch nicht zu Ende: Auf der anderen Seite des Hügels, hinter den Fischerhäuschen, gelangt man über einen Trampelpfad zur Calos des Moro. Das komplette Gelände wurde von einer einheimischen Familie liebevoll bepflanzt und gepflegt, so dass ein kleines Naturparadies entstanden ist. Der Bau eines Hotels wurde erfolgreich verhindert; die verheerenden Schäden eines Flächenbrands sind nicht mehr zu sehen.

Die Calos des Moro… Es geht wieder bergab, steil und ungleichmäßig sind die Naturstufen, die zu der Bucht führen, die zugleich winzig und bombastisch ist. Riesige Felsblöcke liegen auf dem weißen Sand; die Wellen branden auch hier mit Wucht auf die begrenzte Liegefläche. An ruhigen Tagen ist der Strand wohl doppelt so groß, doch heute, an einem Tag Mitte Oktober, drängen sich die rund 20 Gäste zwischen den Steinen zusammen. Rundherum wird die Bucht flankiert von imposanten roten Steinwänden und Höhlen, in der sich die Brandung bricht.

Reines Badevergnügen der ruhigen Art hingegen bietet die Cala Murada, die zu beiden Seiten von kleinen Reihenhäuschen flankiert wird, die sich in die Landschaft einfügen. Für ein paar Euro gibt es an der Strandbar leckere Tapas, gebratene Pimientos und kühle Getränke, und wer will, kann sich einen der wenigen Sonnenschirme mieten, um gefahrlos den Tag verdösen zu können.

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Etwas quirliger geht es zu in der Cala Figuera. Hier können sich Wagemutige von Felsplateaus ins Meer stürzen – wer darauf keine Lust hat, bummelt in die Bucht hinein und bewundert die zahlreichen Segel- und Motorboote, die dort vor Anker liegen. Im Restaurant „Es Port“ hoch über dem Wasser kann man nicht nur lecker speisen, sondern hat auch einen wunderbaren Blick über die ein- und ausfahrenden Schiffe. Tapas, weiße Sangria und leckerer Salat, dazu ein Panorama aus tiefblauem Wasser und weißen Booten. Zu unseren Füßen streicht eine schwarze Katze umher; sie ist wohlgenährt. Zum Glück, denn auf unseren Tellern findet sich weder Fleisch noch Fisch.

Vier Tage Mallorca im Oktober – und sie gehen irgendwie viel zu schnell vorbei. Fehlen noch die Souvenirs. Wir kaufen Salz aus den Salinen im Süden, versetzt mit wunderbar duftenden Kräutern und Knoblauch, und Orangenmarmelade aus Soller. Wieder daheim im herbstlichen Deutschland, holen wir und dann den spanischen Sommer zurück – mit Tapas und einer guten Flasche Rotwein aus dem Süden. Bis zum nächsten Mal, Du schöne Baleareninsel. (bb)

HINundWEG – Kino-Tour

26 Okt

 

Im Rahmen der Kino-Tour haben wir uns gestern Abend im Mathäser in München zusammen mit ca. 700 weiteren Besuchern den neuen Film HIN und WEG von Regisseur Christian Zübert („Dreiviertelmond“) mit Florian David Fitz als Hannes und Julia Koschitz als Kiki in den Hauptrollen angesehen. Ein wunderbarer, sehr berührender Film, der dem Zuschauer das Thema Sterbehilfe nahe bringt.

Als die Freundesgruppe – das Paar Dominik und Mareike, Frauenheld Michael und Hannes‘ jüngerer Bruder Finn – mit Hannes und Kiki zur alljährlichen Radltour aufbricht, wissen sie noch nicht, dass es die letzte Reise ihres an ALS erkrankten Freundes Hannes sein wird. Der hat sich entschieden, in Belgien seine Lebensreise zu beenden, um nicht elendig und am Ende hilflos an dieser unheilbaren Krankheit zugrunde zu gehen. Es gibt durchaus auch leichte und lustige Momente, die sich aus den traditionellen kleinen „Mutproben“, die sich die Freunde während der Tour gegenseitig stellen, ergeben. Aber das Thema des Films ist die Sterbehilfe. Alle müssen sich aufgrund der Entscheidung der Hauptfigur damit auseinandersetzen – auch die Zuschauer!

Ein ernstes Thema mit schönen Aufnahmen, wunderbarem Soundtrack und ausgezeichneten Darstellern – sensibel und berührend kinotauglich umgesetzt. Ein weiterer sehr guter, deutscher Film, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Aber Taschentücher nicht vergessen! (ima)

Ein paar Fotos vom Darstellerbesuch in München.

Livingston: „Animal“ kommt tierisch gut

25 Okt

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Die internationale Rockband Livingston hat ’ne Neue: „Animal“ heißt die Scheibe, die vor wenigen Wochen auf den Markt gekommen ist, und jetzt tourt die Gruppe um Beukes Willemse mit dem „Tier“ im Gepäck durch Deutschland. Ein Live-Erlebnis im Münchner Technikum.

„Auszieh’n!“, skandiert eine junge Frau in der achten Reihe. Beukes Willemse ist selbst schuld, dass die Damenwelt wilde Fantasien entwickelt. Erzählt der aus Südafrika stammende Frontmann der Gruppe Livingston dem Münchner Publikum doch glatt, was die Musiker an ihrem „Day off“ in Bayerns Hauptstadt so getrieben haben: Ein Spa-Besuch stand auf dem Programm, genauer gesagt der Saunabereich. „Ihr Deutschen seid so liberal“, schwärmt Willemse über das nackte Vergnügen im Badetempel – und die Mädels im Parkett bedauern ganz offensichtlich, dass sie den Donnerstag nicht auch im Schwimmbad verbracht haben.

Doch eigentlich geht es an diesem Abend im Technikum ja um Musik. Rockmusik, richtig gute noch dazu. Livingston stellen auch in München unter Beweis, dass sie den „Großen“ im Geschäft wie Coldplay in nichts nachstehen. Weder in Sachen Bühnenpräsenz noch im Songwriting, und Beukes Willemse hat durchaus die charismatischen Qualitäten, die eine Bühne ausfüllen können – vor allem, wenn er sich einen musikalischen Wettstreit mit seinem deutschen Gitarristen Jakob Nebel liefert oder seine Stimme in faszinierende Höhen treibt.

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Das neue Album „Animal“ hat gute Live-Qualitäten, doch auch alte Stücke der Vorgänger „Fire to Fire“ und „Sign Language“ werden perfekt in Szene gesetzt. Zwei Gitarren, manchmal auch zwei Drumsets (Jakob kann beides), treibender Bass und ein akzentuierendes Maß an Elektronik sorgen für den charakteristischen Livingston-Sound, und dieser entwickelt eine eigene Magie, die auch bei halbvollem Haus wirkt. Noch besser gewirkt hätte sie allerdings, wenn der Sound besser abgemischt gewesen wäre – so muss man leider ein paar Prozent abziehen für die Übersteuerung. Schade, jammerschade um einen ansonsten perfekt gewesenen Konzertabend mit einer glänzend aufgelegten Band und einem fröhlich vor sich hin plaudernden Willemse. Da hilft nur eins: Möglichst bald das nächste Livingston-Konzert besuchen und so dafür sorgen, dass die Hallen richtig voll werden. Dann, so hoffen wir, klappt’s auch mit dem Sound. 😉 (bb)

Die weiteren Animal-Tour-Termine:
26.10.14 – Die Werkstatt, Köln
28.10.14 – Das Cann, Stuttgart
29.10.14 – FZW, Dortmund
30.10.14 – Mojo Club, Hamburg
07.11.14 – Hoxton Square Bar & Kitchen, London

Weitere Fotos – Link

Walhai und Cenotenzauber – Urlaub auf Yukatan

15 Okt

Einmal Karibik bitte. Aber wohin? Kuba? Zu teuer für den Familienetat. Jamaika? Nicht fischreich genug für den tauchenden Nachwuchs. Dominikanische Republik? Och nööö… da fährt ja jeder zweite hin. Nach langer Suche in Katalogen und im Internet steht das Reiseziel schließlich fest: Mexiko soll’s werden, und dort die Halbinsel Yukatan. Ein Überraschungspaket, das wir erst gar nicht auf dem Plan hatten – und das unsere Erwartungen noch übertraf.

Rush-Hour in Cancun. Unser Kleinbus hält an der Ampel auf der mittleren Spur; links stehen zwei Autos. Die Fahrerin des vorderen Fahrzeugs schwingt theatralisch die Hände durch die Luft, der Lenker des hinteren Wagens zuckt mit den Schultern. Offenbar hat er den fahrbaren Untersatz vor ihm unsanft touchiert; die Stoßstange ist zerkratzt. Unser Guide Alex beugt sich zum Fenster und ruft: „Frau, das ist doch nix! Steig ein und fahr‘ weiter!“ In Deutschland, tönen wir Urlauber von den hinteren Sitzen, wäre das ein Schaden von 5000 Euro. Alex lacht. „Ja, klar, in Deutschland gibt es ja auch eine Hundesteuer. Eine Hundesteuer!“ Er muss es wissen, er hat eine Zeitlang in Deutschland gelebt. Prompt übersetzt er den Sachverhalt für unseren mexikanischen Fahrer. Der kriegt sich nicht mehr vor Lachen. Willkommen in Mexiko.

Klotzen statt kleckern

Yukatan ist eine Halbinsel, die mitten in den Atlantischen Ozean hineinragt. Links von der Insel nennt er sich „Golf von Mexiko“, rechts davon „Karibik“. Da wollen wir hin – auf zu türkisfarbenem Wasser und puderzuckerweißem Strand. Eine schnurgerade vierspurige Straße führt von Cancun südwärts bis zur Grenze nach Belize, zur Linken liegt hinter dichtem Dschungel das Meer, zur Rechten ebenfalls dichter Dschungel, Ortschaften und dann und wann ein Schild, das auf eine Cenote hinweist. Cenoten sind… ach, was soll’s – das kommt später… Zunächst staunen wir ob der pompösen Eingangsbereiche der Hotels, die am Straßenrand auf die Unterkünfte hinweisen. Die Anlagen sind riesig, fressen sich südwärts von Cancun am Strand entlang immer weiter ins saftige Grün. 1000 Zimmer pro Komplex sind keine Seltenheit; von der Hauptstraße aus geht die Fahrt ein paar Minuten Richtung Meer bis zu den riesigen Empfangsgebäuden der Touristenunterkünfte. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt!

Natur pur im Hotel

Gerne hätte ich jetzt geschrieben, dass wir in einem der wunderschönen, kunterbunten mexikanischen Aussteiger-Hotels untergekommen sind. In Wahrheit jedoch hat die Pauschalreise im 1500-Betten-Komplex gewonnen, weil sie einfach billiger war. Für drei Personen immer noch teuer, aber wenigstens erschwinglich. Das „Grand Sirenis“ liegt zwischen dem Touristenort Playa del Carmen und der bekannten Maya-Ruinen-Stadt Tulum rund eineinhalb Stunden von Cancun entfernt – weit genug, um den Trubel der Großstadt hinter sich zu lassen. Der Komplex ist riesig, erstreckt sich auf mehrere Gebäude, von denen jedoch keines höher als drei Stockwerke ist. So will es das Gesetz, und das ist gut so. Zwischen den Gebäuden verteilen sich Lobby, diverse Spezialitätenrestaurants, Pools und Dschungel.

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Allgegenwärtig: Exotische Vögel, die noch viel exotischere Geräusche von sich geben (eine süddeutsche Saatkrähe hört sich edel dagegen an) und noch viel, viel exotischere Echsen, die überall im Gebüsch, auf den Bäumen und auch des öfteren mitten auf dem Weg herumliegen. So mancher Tourist füttert sie mit Bananen, was man nicht tun soll – es bringt meist nichts Gutes, wenn der Mensch ein Wildtier von sich abhängig macht. Noch lieber als die Echsen füttern die Touristen die säugende Waschbärin, die genau wie der drollige Nasenbär um den Poolbereich strolcht und auch gerne mal einen Blick in die Badetasche des Besuchers wirft – könnte ja was Essbares drin sein. Scheu hingegen sind die Aguris, große, sanfte Nagetiere, die dann und wann am Dschungelrand auftauchen. Natur pur – das macht Freude!

All inclusive lullt ein

Die Pools haben rund 35 Grad, die Luft auch. Vielleicht bringt das Meer ein wenig Abkühlung an einem heißen Juni-Tag? Okay – rund 30 Grad, da fröstelt’s einen ja fast schon, haha… Der Puderzuckerstrand ist da, unterbrochen von steinigem Untergrund und Felsformationen. Es gibt schattige Liegen (schnell belegt), sonnige Liegen (immer ein Plätzchen frei) und Hängematten (können zum Glück nicht belegt werden) – jeder findet einen bequemen Ort zum Dösen, und ständig flaniert die freundliche Bedienung vorbei und fragt, was man trinken will. All inclusive lullt ein, doch dafür sind wir nicht hergekommen.

Karibik unter Wasser

Wie sieht die Karibik unter Wasser aus? Das ist die große Frage, die wir uns stellen. Tauchermaske an, Schnorchel dran – ab ins Wasser. Verglichen mit dem Roten Meer ist die Mexikanische Karibikküste unter der Oberfläche zunächst relativ unspektakulär. Wo Ägypten mit der ganzen Farbpalette in Rot, Blau, Gelb und Grün aufwarten kann, wo die Fische sich gegenseitig fast die Vorfahrt und den Besucher in die Mitte nehmen, tummeln sich hier nur vereinzelt ein paar Exemplare über relativ farblosen Riff-Formationen. Die Hurrikane der vergangenen Jahre und die zeitweise Überfischung der Riffe fordern ihren Preis. Doch Mexiko hat gelernt: Vor Cancun zum Beispiel wird mit dem „Unterwasser-Museum“ in Form von menschlichen Skulpturen, Autos und sogar Regalen den Korallen neuer Lebensraum zum Besiedeln geboten; Teile des Meeres wurden zum Schutzgebiet erklärt wie das Palancar-Riff bei der Insel Cozumel. Von der sind wir jedoch ein Stückchen entfernt.

Dennoch: Einer der ersten Wege führt zur lokalen Tauchbasis, die wie der Realität gewordene Karibiktraum auf den Felsen und unter Kokospalmen über dem Meer thront. Tauchen in der Karibik ist einfach – Formular ausfüllen, Brevet-Nummer angeben und los geht’s. Zwei Tauchgänge zur Wahl: Shallow oder Deep Dive. Wir nehmen den flachen Tauchgang und finden uns nach kurzer Bootsfahrt in 14 Meter Tiefe über Korallenblöcken und Felsformationen schwebend am Grund der Karibik wieder. Eine leichte Strömung herrscht hier; ein Barrakuda mittlerer Größe beäugt uns mit geringem Interesse. Alles in allem ganz nett, aber nichts Spektakuläres.

Auf Tuchfühlung mit dem Walhai

Spektakulär wird es ein paar Tage später auf dem offenen Meer westlich von Cancun und der vorgelagerten Isla Mujeres, der Insel der Frauen. Mit einem schnellen Boot flitzen wir ins tiefe Blau, auf der Suche nach den größten Fischen der Welt, den Walhaien. Eingangs erwähnter Alex ist unser Guide – er stammt aus Mexiko-City, hat in jungen Jahren einen mehrjährigen Trip durch Europa unternommen und eine Zeitlang in Deutschland gearbeitet. Doch die Winter waren zu kalt, und so packte er seinen Rucksack und flog zurück nach Mexiko – allerdings nach Yukatan, das wohl das Sahnestückchen des Landes sein dürfte. Unsere Truppe an Bord ist international: Neben Alex und der einheimischen Besatzung, uns drei Deutschen und Schotte Jim sind noch ein französisches und ein italienisches Pärchen mit an Bord.

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In der Ferne springt ein Manta; an der Oberfläche schaukeln ein paar Schildkröten im tiefen Gewässer. Unser Käpt’n verringert die Fahrt, und vor uns tauchen weitere Boote auf, die einen Kreis um große, aus dem Wasser ragende Flossen bilden: Wir haben die Walhaie gefunden. Die sanften Riesen der Meere versammeln sich jeden Sommer hier vor Yukatan im planktonreichen Gewässer, denn die Kleintiere sind die Leibspeise der ungefährlichen Fische. In Zweiergruppen springen wir zusammen mit dem Guide ins Wasser, um mit den Haien zu schwimmen. Die Großen sind mehr als zehn Meter lang; näher als zwei Meter darf man ihnen nicht kommen, zu ihrem und zu unserem Schutz, denn die Schwanzflosse kann einen dann doch umhauen. Viel zu kurz sind die Begegnungen mit den Riesen: Wir springen, wir schwimmen, genießen den Augenblick, wenn man kurz neben dem gigantischen Tier seine Bahn zieht – dann sind sie wieder weg… Dreimal darf jeder ins Wasser, mit drei verschiedenen Haien schwimmen wir. Einer hat zwei „Anhalter-Fische“ auf seiner Seitenflosse mitgenommen. Ein Hai schwimmt direkt auf mich zu – ein Maul wie der Kühlergrill eines Autos. Erstaunlicherweise empfindet niemand Unbehagen bei diesem Anblick; wir sind allzu fasziniert.

Traumstrand und mexikanisches Bier 

Dann ist es vorbei, wir fahren zurück und machen Halt vor der Isla Mujeres, wo zunächst an einem Riff geschnorchelt und dann an einem Traumstrand Halt gemacht wird. Wir hüpfen über die Reling des Bootes ins brusttiefe Wasser. Alex reicht uns ein kühles mexikanisches Bier – „Sol, das beste“ -, und wieder genießen wir den Augenblick. Mexiko ist schön, Yukatan ist schöner, hier vor der Isla Mujeres ist es am schönsten…

Tulum – Maya-Schönheit am Meer

Doch halt – genauso schön, wenn auch auf eine andere Art, ist es bei den präkolumbianischen Maya-Stätten wie Tulum. Auch die Maya wussten eben schon, wo’s am besten ist. Der mitgereiste Teenager-Sohn zieht erstmal einen Flunsch – warum soll man sich eigentlich Steinruinen anschauen, wenn es brütend heiß ist und das türkisfarbene Wasser unerbittlich lockt? Nein, junger Mann – ein bisschen Kultur muss eben auch sein. So trödeln wir in der Hitze durchs historische Gelände und betrachten – die einen mehr, die anderen weniger fasziniert – kleinere und größere Maya-Bauten, Ornamente, Steinfiguren, bewundern die Wasserversorgung des indianischen Volkes und fotografieren das alles und natürlich auch die Leguane, die wie Wächter aus längst vergangenen Zeiten über den Tempeln in die Ferne starren.

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Zum Glück liegt Tulum am Wasser, und bald schon entdeckt der Filius einen menschenleeren Strand, in aller Karibikschönheit mit Puderzuckersand und sanften Wellen, die an Land rollen. Eine Absperrung macht seine Bade-Träume jedoch zunichte: Hier legen Schildkröten ihre Eier, und der Naturschutz hat Vorrang. Verständlich. Immerhin: Wo ein Strand ist, gibt es sicher noch einen anderen, und kurz darauf entdecken wir eine Badegelegenheit, die über eine Holztreppe zu erreichen ist und mit beträchtlicher Brandung aufwarten kann. Die Tempel machen Pause, wir geben uns den Wellen hin…

Cenoten-Zauber

Noch mehr Badevergnügen warten jedoch im Inland, und dieses Mal birgt es sogar eine Erfrischung. Cenoten – die heiligen Quellen der Maya. Mehr als Tausend davon gibt es auf der Halbinsel Yukatan. Entstanden sind diese über- und unterirdischen Süßwasserseen durch Einbrüche im Kalkstein, der das Fundament der Region bildet. Das Wasser ist klar und etwas frischer als das Meer – 25 oder 26 Grad dürften es aber allemal noch sein… Wagemutige durchtauchen die Cenoten, von denen viele unterirdisch miteinander verbunden sind. Wir begnügen uns mit Schnorcheln, beobachten die kleinen Fische bei enormen Sichtweiten und die winzige Schildkröte, die die „Cenote Azul“ bei Akumal durchstreift. Der Fels über dem See bietet sich als Natur-Sprungbrett an; hier mischen sich Touristen, Einheimische und Nachkommen der Maya beim gemeinsamen Bad.

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Shopping ist Nebensache

Bei so vielen Naturerlebnissen spielt das Shopping, spielt die Stadt fast keine Rolle. Ein einziges Mal fahren wir mit dem äußerst praktischen „Colectivo“, dem allgegenwärtigen Sammeltaxi auf Yukatans Straßen, nach Playa del Carmen. Doch der Touristenzauber mit den „Flying Maya“ und den muskelstrotzenden Kraftprotzen am Strand lässt uns kalt. Lediglich die wunderschönen bunten Strandtücher und der leckere Tequila („anejo“, kein Vergleich zu den in hiesigen Supermärkten erhältlichen Varianten) lohnen den Besuch. Zu verlockend ist das Wasser in all seinen Facetten, zu verlockend der Strand, der Dschungel, die Natur, zu verlockend die Hängematte, die einen sanft ins Reich der Träume schaukelt – obwohl… man ist ja schon da – hier in Mexiko. (bb)