Warum Donald Trump es geschafft hat, Präsident zu werden

11 Nov

Donald Trump ist Präsident der USA. Daran gibt es nichts zu rütteln, außer der Gewinner selbst klagt gegen die Wahl – das hatte Trump im Vorfeld ja schon angekündigt. Nun wird das wohl nicht nötig sein, und mit dem Unternehmer steht jetzt der wohl unberechenbarste Präsident aller Zeiten an der Spitze der USA. Da es sich um eine demokratische Wahl handelt, muss man das Ergebnis – wenn auch zähneknirschend – akzeptieren: Das Volk hat gesprochen, das Volk hat Trump gewählt. Doch warum?

Während Trumps Anhänger ihn frenetisch feiern, verharrt gerade Europa in einer Art Schockstarre. Hierzulande hat der Typ mit der großen Klappe und den unbequemen, rassistischen Ansichten nicht allzu viele Freunde. Man sieht das telegene Machtspiel der beiden Kandidaten mit einem Abstand, der vor Ort oft verloren geht im allgemeinen Sog der Wahlkampfphase.

Aber warum haben die Leute überhaupt Donald Trump gewählt, und sind wir Europäer und der ganze Rest der Welt dazu wirklich klüger? Was ist mit den Le Pens, den Erdogans, den Meuthens und Petrys auf der anderen Seite des Atlantiks? Was passiert in den arabischen Ländern, wo der IS auf dem Vormarsch ist?

Weltweit scheint es einen Trend zu geben, der rückwärts gerichtet ist. Klimaerwärmung, Probleme durch die Globalisierung, eine immer schnelllebigere Gesellschaft und unsichere Zukunftsperspektiven prägen das Leben im dritten Jahrtausend. Der Mensch ist rastlos geworden und hat sich auf seinem Weg durch die Anforderungen der Zeit verirrt. Nun scheint er zu versuchen, sich durch die Rückbesinnung auf Traditionen, auf das, was einst als „stark“ und „zuverlässig“ galt, ein Stück der verlorenen Sicherheit zurückzugewinnen.

Die Fakten des heutigen Lebens sind offenbar zu hart, die Herausforderungen zu groß, der Mensch als solches zu oberflächlich, um sich damit ernsthaft auseinandersetzen zu wollen. Es ist einfacher, Parolen via Social Networks zu verbreiten und Pseudowahrheiten zu glauben, als an der Ursache des Problems zu arbeiten. Und das ist der Punkt, an dem die Trumps, die Meuthens, die Erdogans dieser Welt einhaken. Sie wissen: Der Bürger ist demokratiemüde, eingelullt von vermeintlicher Sicherheit und zugleich frustriert über einen immer umfangreicheren Verwaltungsapparat, über eine Selbstbedienungsindustrie.

Selektives Lesen erschwert neutrale und nüchterne Betrachtungen. Wer sich nur im Netz informiert, erhält die Schlagworte der Demagogen statt des Überblicks. Und so formt sich ein Bild vom Zustand der Gesellschaft, das Menschen wie Trump heraufbeschwören: polarisierend, irrational, voller Lügen und Bedrohungen.

Es ist einfacher, jemanden zu wählen, der offen gegen dieses System spricht, das angeblich korrupt ist und das zugleich vom Bürger fordert, sich selbst einzusetzen. Auffällig ist, dass diese „retrograden Revoluzzer“ gerne angebliche Missstände (und auch tatsächliche) an den Pranger stellen, selten jedoch praktikable (oder menschenwürdige) Alternativen bieten.

Darum geht es ihnen jedoch auch nicht. Es geht ihnen um Macht. Eben jene Macht, die sie doch eigentlich verdammen. Mit Donald Trump hat es nun ein Mann an die Spitze der USA geschafft, der genau durch die politischen und gesellschaftlichen Zustände so erfolgreich geworden ist, die er nun anprangert.

Insofern haben die Wähler mit ihrer Entscheidung für Trump ihren eigenen Protest gegen die Schwächen des Systems ad absurdum geführt. Das sollte jedoch nicht von der Tatsache ablenken, dass es weltweit eine Art Politikverdrossenheit gibt, und diese sollte die Politiker der sogenannten etablierten Parteien wachrütteln. Demokratie muss wieder wachmachen, sie muss handeln, sie muss direkter und transparenter werden – damit Demagogen keine Chance haben. (bb)

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Das andere Mallorca

2 Okt

Müde schlappen die jungen Männer in ihren Flip-Flops über die Straße Richtung Meer. Es ist 10.30 Uhr vormittags, und der Hangover der vergangenen Partynacht ist ihnen noch deutlich anzusehen. Vor den Hotelburgen in der zweiten und dritten Strandreihe warten einige Touristen auf ihren Transferbus zum Flughafen – lederbraun gebrannt, die Frauen mit blondiertem Haar, die Männer mit grauem Schnauzbart, in T-Shirt und Shorts.

Willkommen am Ballermann. Man spricht Deutsch, das Angebot der Fressbuden zwischen den Hotels umfasst Weißbier, Grillwurst und Jägerschnitzel. Die pseudoantike Fassade des Mega-Parks prollt wie die Goldkettchen diverser gealterter Partygänger, an der Open-Air-Bar einer Kneipe trinken vereinzelte Urlauber das erste Bier des Tages. Malle ist nur einmal im Jahr – oder wie war das?

„Das ist ein anderes Mallorca“, sagt Maria Magdalena, die Vermieterin unserer Finca. Wahrlich: Hotels sind hier, im Herzen der Insel, fast keine zu finden. Schon gar nicht in Montuiri. Der ländlich geprägte Ort liegt nur 25 Fahrminuten vom Flughafen Palma entfernt – und doch ist dies eine ganz andere Welt als die der Platja de Palma. Son Costa heißt unser Zuhause für eine Woche. Das Anwesen hat 300 Jahre mallorquinische Geschichte gesehen und strahlt selbst Geschichte aus, angefangen bei der langen Zufahrt bis zum großen Holztor, hinter dem sich ein Innenhof verbirgt, gepflastert mit groben Steinen und begrenzt von lauschigen Plätzchen zum Verweilen. Eine Treppe führt am tiefen Brunnen vorbei zur Terrasse im ersten Stock, eine andere zum Eingang ins Hauptgebäude.

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Treppen aus Stein, zum Haus und im Haus. Fast jedes Zimmer ist auf einer anderen Ebene, manche Räume haben keine richtigen Fenster, nur kleine Oberlichter in der hohen Decke. Die Bäder sind gefliest mit traditionellen Keramikplättchen, überall finden sich Zeugnisse der Vergangenheit: alte Möbel, Holzregale, die sich unter der Last der Zeit krümmen, Porzellan, Keramik, Bilder, Gebrauchsgegenstände, Zierrat und mehr. Son Costa erinnert mehr an eine kleine Raubritterburg als an das landwirtschaftliche Anwesen, das es einst war. Hier wurden Oliven zu wertvollem Öl gepresst, und noch heute wird der rückwärtige Teil des Geländes als Bauernhof genutzt.

Neu ist der große Pool, der sich in einem separaten Teil des Gartens befindet, verborgen hinter dicken Steinmauern, auf denen sich Eidechsen wohlfühlen, bewachsen mit Bougainvilleen und umrankt von Efeu, umgeben von Stein und hohen Hecken, hinter denen gelegentlich ein Hund kläfft. Er ruft nach dem Esel. Truc heißt das vier Jahre alte Langohr, das am Ende des Gartens neben dem Feigenbaum am Holzzaun steht und sich freut, wenn der menschliche Besuch vorbeischaut und ihm ein paar Streicheleinheiten verpasst. Hohe Palmen und ein großer Steinturm zieren den großen, grünen Garten, der Ausblick von der Terrasse im ersten Stock zeigt, wie vielseitig und schön die Landschaft ist.

In der Küche dominieren der große dunkle Holztisch, viele traditionelle Keramikschüsseln und -krüge und natürlich das riesige steinerne Spülbecken unter dem Fenster mit den grünen Holzläden. Der Fliesenboden ist alt und birgt, wie das ganze Haus, einen ganz besonderen Charme.

Das andere Mallorca – in der Tat. Der Teil der Insel, wo Zitronen- und Orangenbäume wachsen, ganz zu schweigen von den großen Olivenhainen, und wo man sich für einen kleinen Snack nicht an den Kühlschrank begibt, sondern frische Feigen direkt vom Baum nascht – unglaublich saftig und süß, eine besser als die andere. Ein Landstrich, wo kleine und auch größere Orte in einem Farbton gestrichen zu sein scheinen, einem hellen Gelbbraun. Wo die Zeit jetzt, Ende September, ein bisschen langsamer vergeht als im Hochsommer.

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In Sineu – dem geografischen Mittelpunkt der Baleareninsel – drücken sich die Touristen auf dem großen Wochenmarkt am Mittwochvormittag wie die Heringe in der Büchse zwischen den Ständen hindurch. Kleidung, Leder, Keramik, lange Schnüre mit bunten Peperoni, regionale Lebensmittel vom berühmten Salz des Es Trenc über die würzige Sopresada, eine mit Paprika gewürzte Wurst, hervorragende Weine und leckeren menorquinischen Käse, aber auch Billigschund made in China: alles wird angeboten, was Auge und Herz des Urlaubers begehren. Nur zwei Tage später, an einem Freitagnachmittag, scheint die Innenstadt am Fuße der schönen Kirche verwaist. Ein paar Einheimische trinken Kaffee in der Bar am Marktplatz, ein Touristenpärchen stattet dem Gotteshaus einen Besuch ab. Nicht mal ein Hund kreuzt den Weg, wo zwei Tage zuvor noch tausende Menschen in dichtem Gedränge verweilten.

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Nahe Montuiri liegt die größte Ausgrabungsstätte der talaiotischen Kultur, steinerne Zeugen mächtiger Bauten aus längst vergangener Zeit, Jahrhunderte vor Christus. Wer ein bisschen Muse mitbringt, kann hier, im Herzen der Insel, etwas über die Menschen erfahren, die sich an dieser Stelle vor mehr als 2500 Jahren ansiedelten, die das römische Reich kommen und gehen sahen – und irgendwann wieder vom Bildschirm der Geschichte verschwanden.

Nicht ganz so weit in die Vergangenheit reist man auf Es Calderers, einem Landgut mallorquinischen Adels, das außerhalb des kleinen Fleckens San Joan auf einer Anhöhe liegt und gegen das nötige Kleingeld zum Besuch einlädt. Dieser lohnt sich. Das Anwesen führt den Besucher in eine Zeit zurück, in welcher der Herr von Adel mit der Feder Briefe an seinem hölzernen Sekretär schrieb und Gleichgesinnte zu tiefsinnigen Gesprächen in die Sitzecke seines Arbeitszimmers lud, während die Dame des Hauses die Tage mit Klavierspielen oder Näharbeit verbrachte. Liebevoll gedeckte Tische mit Kristallkelchen, Musikzimmer und Schlafgemache laden zum Entdecken ein. Im Innenhof des Haupthauses lässt es sich wunderbar verweilen zwischen üppigem Grün am Goldfischbecken.

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Auch der Garten des Anwesens ist einen Besuch wert. Große Wasserbecken mit Wasserspeiern, lauschige Sitzplätze unter schattigen Bäumen mit Ausblick auf die umgebende Landschaft, Stallungen mit Tieren vom Huhn über schwarze Schweine, Ziegen und Schafe bis zum Rind sowie Pferdekoppeln zeugen davon, worauf der Adel in früheren Zeiten seinen Wohlstand baute. Wer mag, kann im Weinkeller ein Schlückchen „Vin dolc“ probieren – und Kostproben der hauseigenen und anderer mallorquinischer Produkte als Souvenir mitnehmen.

Son Costa liegt zentral auf der Insel – und dennoch sind es bis zur Küste nicht einmal 40 Autominuten. Zum Beispiel ganz in den Süden: Vom Leuchtturm beim Cap Ses Salines ist es ein rund 20 Minuten dauernder Spaziergang auf dem Küstenpfad bis zum Platja Escaragol, dem Schneckenstrand. Keine Imbissbude weit und breit, kein Hotel verbaut den Blick ins anschließende Naturschutzgebiet. Es gibt nur Dünen, Sand – und Meer, das in verschiedenen Farbtönen schillert. Nur wenige Kilometer weiter erstreckt sich der berühmte Strand „Es Trenc“ an der Südküste Richtung Palma. Dort liegen die Besucher im Sommer Handtuch an Handtuch, während sich die Sonnenhungrigen am Schneckenstrand ihr Plätzchen aussuchen können.

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Ebenfalls unbewirtschaftet und nicht gerade leicht zu finden sind die beiden Buchten Cala s’Almunia und Calos des Moro im Osten Mallorcas. Die winzigen Strände sind naturbelassen und verbunden mit einem Abstieg über 100 Treppenstufen. An deren Fuß steht der Entdecker an der zauberhaften Cala s’Almunia: rechter Hand liegt ein kleiner Strand, linker Hand eine kleine Ansammlung pittoresker Fischerhäuschen, die die Bucht umsäumen. Hier ist das Wasser glasklar und hell, denn auf dem Sandboden reflektiert das Wasser die Sonne. Wer baden möchte, legt seine Kleidung und das Handtuch einfach auf den Bootsslips ab – sollte ein Gefährt zu Wasser gelassen werden, muss man eben seinen Platz räumen. Der Einstieg ins Meer ist verbunden mit einem äußerst rutschigen Zugang über die glitschigen Holz- und Steinbohlen.

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Oberhalb der Häuschen führt ein Pfad durch die Natur auf die andere Seite des Buckels. Dort liegt sie, die vermutlich meistfotografierte Bucht Mallorcas. Die Calos des Moro mit ihrem Miniaturstrand ziert zahlreiche Buchcover und Magazine über die Baleareninsel. Weißer Sand, pittoreske Felsen, eine rote Sandsteinwand und karibisches Wasser: so sehen Urlauberträume aus. Leider sind es nicht gerade wenige Besucher, die den steilen Abstieg in die Bucht wagen. Mit Kind und Kegel, Sonnenschirm und Rucksackvesper erobern sie schon am frühen Morgen den Strand, und spätestens kurz nach 10 Uhr ist auch Ende September alles voll: Handtuch liegt an Handtuch, junge barbusige Frauen filmen sich munter mit Mobiltelefon und Selfiestick im klaren Wasser, besorgte Väter spannen in der Brandung Sonnenschirme auf, um ihren Nachwuchs beim Planschen und Sandburgen bauen vor dem Himmelsgestirn zu schützen. Zeit, zu gehen. Das Gelände oberhalb der Bucht, das sich in Privatbesitz befindet, lädt zu einer kleinen Exkursion ein, die auch herrliche Aussichten über das Meer bietet.

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Noch immer kann man an der Ostküste Mallorcas hübsche Buchten finden, die nicht komplett überlaufen und von Hotelburgen zugebaut sind. Die Cala Murada beispielsweise hat sich ihren Charme erhalten. Auch sie wird gesäumt von Apartmentanlagen, doch diese schmiegen sich gefällig in die Landschaft, ohne groß zu stören. In der Strandbar gibt es Tapas, wer mag, kann sich am Wasser wahlweise Liegestühle und Strandschirm leihen oder es sich auf seinem eigenen Handtuch bequem machen.

Einen Abstecher wert ist auch die Cala Figuera. Hier gibt es zwar keinen Strand, doch Mutige können sich von hohen Felsen ins Meer stürzen. Wie ein kleiner Fjord frisst sich das Mittelmeer hier ins Festland; von den Terrassen der am Hang gelegenen Restaurants kann man hübsche Segelboote beim Ein- und Auslaufen beobachten.

Am Ende des Tages wartet Son Costa auf seine Bewohner. Hier in Montuiri, wo die Uhren ein bisschen langsamer ticken. „Ein anderes Mallorca“, sagt Maria Magdalena. Sie hat recht. Es ist das Mallorca, das wir gesucht und gefunden haben.

In Zeiten des Live-Journalismus…

23 Jul

…wünsche ich mir die „guten alten Zeiten“ der Tatsachen-Berichterstattung zurück.

Ja, ich hatte auch den Fernseher laufen gestern Abend – nicht zuletzt, weil es um einen Anschlag in meiner Stadt, in München, ging. Aber ehrlich gesagt, war ich entsetzt über die völlig konfuse Berichterstattung um der Berichterstattung willen – egal ob auf öffentlich-rechtlichen oder privaten Kanälen. Klar wünsche ich mir möglichst zeitnah Informationen darüber was passiert ist. Aber solange niemand wirklich sicher etwas weiß, kann ich auf die stundenlange Verbreitung von Mutmaßungen, Spekulationen und Gerüchten gerne verzichten.

Informationspflicht der Medien – schön und gut, aber bitte Besinnung auf Tatsachen-Berichterstattung. Es würde meiner Meinung nach völlig genügen, zu berichten DASS und WO etwas passiert ist, man aber noch keine weiteren Erkenntnisse hat, da der Polizeieinsatz noch im Gange ist. Sobald es neue Informationen aus gesicherten Quellen gibt –sprich von der Polizei – kann und sollte man die Öffentlichkeit erneut informieren.

Wunschdenken meinerseits – ich weiß. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Will ich auch in den meisten Fällen nicht, und ich möchte auch nicht auf die modernen Medien oder eine Berichterstattung verzichten. Aber man sollte sich vielleicht mal drauf besinnen, dass man nicht immer und überall alles verbreiten muss. Übrigens hat es nichts mit Zensur zu tun, wenn man nicht alles ungefiltert in die Welt hinaus posaunt. Die viel zitierte Pressefreiheit wird nicht dadurch eingeschränkt, dass man sich an Fakten hält.

Meine Erkenntnis daraus ist, dass ich mir künftig die Freiheit nehme, mich nicht von der Nachrichtenflut überrollen zu lassen, sondern lieber mal abschalte und später den Polizeibericht lese oder mir die Pressekonferenzen ansehe.

Nach neuesten Erkenntnissen hat sich der Amok-Täter schon länger mit solchen Taten beschäftigt und wohl auch identifiziert. Amokläufer wollen immer größtmögliche Aufmerksamkeit. Wenn in so einem Fall die Berichterstattung dermaßen überzogen wird wie gestern, dann liefert man möglichen Nachahmern noch mehr Anreize.

Übrigens finde ich es auch völlig unerheblich, welcher Nationalität oder Religion ein Täter angehört, ob es sich um Terror oder einen Amoklauf handelt…was passiert ist, gestern in München und davor in anderen Städten und Ländern, ist schrecklich – vor allem für die Toten und deren Hinterbliebene sowie für die Verletzten und deren Angehörige! (ima)

Vier Tage, drei Nächte – Teil 3: Das Paradies bei Sirmione

19 Jun

Traum und Albtraum liegen nahe beieinander in Sirmione, jener Halbinsel im äußersten Süden des Gardasees, welche die Sehnsüchte von Italien-Urlaubern in sich zu vereinen scheint: Kristallklares Wasser, eine schmale Landzunge mit herrlichem Panoramablick zu beiden Seiten, die sich zum Ende hin anhebt und verbreitert und mit einer wunderbaren Altstadt versehen ist. Der Albtraum liegt darin, dass Sirmione zu erfolgreich ist: Tausende Touristen befahren die Landzunge; die Hotels, die zur Linken und zur Rechten liegen, ersticken fast in Abgasen, auf den Fußgängerwegen ist teils kein Durchkommen mehr.

Zum Glück haben die Behörden ein Einsehen und verwehren den Tagestouristen den Zugang zur Altstadt zumindest für den mobilen Untersatz – dieser muss draußen auf dem Sammelparkplatz bleiben. Wer allerdings innerhalb der Stadtmauern wohnt, sieht sich gezwungen, auf den engen Gässchen einen Straßenkampf mit den Fußgängern auszufechten – die Einheimischen etwas forscher, die Besucher zaghaft und mit Panik in den Augen. Quirlige Gässchen, Straßenmusik, Restaurants, Andenkenläden und Eisdielen perfektionieren das Italo-Feeling. Apropos Eisdielen: Die Portionen, die dort ausgegeben werden, sind kaum zu schaffen und ersetzen einen Mahlzeit.

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Auf langen Stegen ins Wasser liegen die Ausflügler und genießen bis in die Abendstunden hinein das warme Juniwetter, im warmen, schwefelhaltigen Thermalwasser, das aus den Quellen um den Inselkopf strömt, planschen Kinder und Erwachsene. Auch die alten Römer wussten das Thermalwasser und die tolle Lage zu schätzen: Am äußersten Nordrand der Insel, an deren höchster Erhebung, kann man heute noch die monumentalen Überreste der „Grotten des Catull“ besichtigen, welche eine riesige Fläche unterhöhlen und die heute teils von Olivenhainen bewachsen sind.

Übernachten auf der Halbinsel? Zu hektisch. Doch ein Glück: Es gibt sie tatsächlich, diese von Menschenhand geschaffenen Orte, die nahezu perfekt sind. Ein solcher liegt einige Kilometer südlich von Simione. Hier haben sich Roberto und Paolo ein kleines Hideaway geschaffen, das sie mit maximal zwölf Gästen in ihrem sechs Zimmer umfassenden Bed & Breakfast teilen.

Doremi lautet der Name des kleinen Anwesens, das die Besitzer vor etwa einem Jahr südlich von Sirmione eröffnet haben. Wer den Rückzugsort vom Alltag betritt, tut dies durch ein großes schmiedeeisernes Tor, das sich auf Eingabe der Zahlenkombination öffnet. Dahinter liegt ein Paradies, das nur einen klitzekleinen Haken hat: Es liegt nah an der Straße – und daher kann man die Autos im von hohen Bäumen und Blühpflanzen umgebenen Garten auch ein wenig hören. Ein kleines Manko, verglichen mit dem, was das Doremi zu bieten hat.

Das Konzept ist durchdacht: Im Herz der Anlage befindet sich der große Pool, schön geschwungen und so unmerklich, aber gewollt in zwei Zonen unterteilt. Darum gruppieren sich mediterrane Pflanzen, Sonnenliegen, Hängematten und -sessel. Ein lieblicher Blumenduft liegt in der Luft. Hier gibt es keinen Kampf um die Liege, denn es sind genauso viele da, wie das B & B Besucher aufnimmt. Ein Teil der Terrasse ist überdacht, geschwungen, elegant, offen, mit großzügigen Sitz- und Liegeflächen, streng im Farbkonzept Schwarz-Weiß gestaltet, mit liebevoll selbst designten Zierkissen mit dem glitzernden Stickwerk „Doremi“.

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Den Namen verdankt das Doremi der Musikleidenschaft seiner Besitzer. Roberto und Paolo spielen zwar nicht selbst, haben aber ihr Herz an die schönen Töne verloren, und das spiegelt sich auch in der Gestaltung der Räumlichkeiten. Im Frühstücksraum glänzt ein schwarzer Flügel, an den Wänden hängen Schallplatten und Gitarren, das „Bitte nicht stören“-Schild ist eine beschriebene CD. Edle Materialien, sorgfältig ausgewählte Dekorationsartikel, eine konsequente, bis ins letzte Detail durchdachte Stillinie überzeugen und machen den Aufenthalt zu etwas Besonderen.

Dazu gehört auch die Begrüßung durch Roberto, der zunächst Espresso und Pralinen serviert – Check-in ist da erstmal nebensächlich. Die Wahl zwischen dem Zimmer zur Poolseite und dem Zimmer zur Gartenseite fällt nicht leicht, doch eindeutig zugunsten des Gartens aus. Der Blick geht auf Hecken und Hügel, Verkehr ist hier kaum zu hören – die gut isolierten Türen und Fenster tun ein Übriges.

Die vier Zimmer gruppieren sich um den Frühstücksraum, eine Wendeltreppe führt hinab in einen Fitnessbereich, mit dem nicht einmal Top-Hotels mithalten können. Muskelfreunde und Ausdauerenthusiasten finden alles, was das Herz begeht, bis hin zu einer kleinen Sauna und einer gemauerten Dusch-Schnecke, das Ganze wird durch liebevolle Dekoration konsequent im Motto „Musik“ umrahmt.

Aber eigentlich will man lieber am Pool relaxen – oder darin. Geschwungen, mit gemauerten kleinen Tritten an mehreren Stellen im Becken, die einen Ausstieg ermöglichen, mit Wassermatratzen und wunderschönen blauen Mosaiksteinchen lädt er zum Erfrischen ein. Im Gebüsch neben dem Pool entdeckt der Gast zunächst einen halben Salatkopf – und dann eine Schildkröte, die den Besucher neugierig beäugt. Es gibt viel zu entdecken. So auch das Goldfischbecken mit den kapitalen Kois, die schmiedeeiserne Sitzecke, viele kleine Nischen, Sichtachsen, Durchblicke und Hingucker.

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Am Morgen erwartet Roberto die Gäste. „Breakfast?“, lautet die Frage. Ja! Gerne! Und was für eins. Das Büffet ist angerichtet – auf dem schwarzen Flügel, und es lockt wie die Musik. Keine ermüdende Auswahl an Produkten, sondern die kleine, feine und sehr persönliche Auswahl: je eine Sorte Käse und Wurst, ansprechend dekoriert unter einer gläsernen Glocke, hausgemachte Kuchen, Croissants, Brötchen, Butter und Marmelade, dazu frisches Obst, Kaffee aus der Presskanne – was will man mehr?

Vielleicht noch einen Tag länger bleiben. Oder wiederkommen. Denn das Doremi ist wirklich ein kleines, feines Paradies. (bb)

Vier Tage, drei Nächte: Einmal wohnen wie Sissi

16 Jun

IMG_9001Vier Tage, drei Nächte Italien – und jeden Tag an einem anderen Ort. Klingt nach Stress? Ist es aber nicht! Im Gegenteil. Die Kinder sind groß und hüten daheim das Haus und die Katze, man ist nicht mehr an die Schulferien gebunden, und die Lust, wieder einmal etwas spontaner zu reisen, ist groß. Ein Blick auf die Wetterkarte offenbart: Im Radius von 500 Kilometern ist das Wetter auch nicht besser. Und jetzt?

Ganz einfach: Man bucht spontan, für eine Nacht und ein Hotel mit Hallenbad und Wellnessbereich. Dann kann einem das Wetter eigentlich wurscht sein. Erste Station der Reise wird so das Grand Hotel Imperial am Lago di Levico im im oberitalienischen Trentino. Mit seinem großen Bruder, dem Lago di Caldonazzo, ist er der wärmste See Norditaliens, wärmer noch als der Gardasee.

Levico Terme, der beschauliche Kurort am gleichnamigen See, ist eine Reise wert – das Grand Hotel Imperial, direkt am riesigen Thermenpark gelegen, ebenfalls. Sich einmal wie Kaiserin Sissi fühlen – schwelgen in Schnörkeln und Kitsch, gediegene Dekadenz genießen: Ein Mädchen-Traum, für den auch noch ältere Semester anfällig sind. Selbst eher nüchtern veranlagte Damen fallen auf den Charme der KuK-Zeiten herein – wie auch die Verfasserin dieser Zeilen.

Perfektionisten sind fehl am Platz: Die weiß gestrichene Holzfensterbank im Bad wellt sich – vermutlich Folge vieler heißer Sommer, in denen die Sonne durchs Fenster brannte. Auch die Halterung der großzügigen Jacuzzi-Badewanne geht ein wenig aus dem Leim, und das Echtholzparkett in der Suite weist einige Kratzer auf. Wie gesagt: Perfektionisten finden sicherlich einiges zu mäkeln.

Wer über die winzigen Kleinigkeiten hinwegschaut und sich selbst verinnerlicht, dass ja auch der Mensch nicht perfekt ist, wird dies auch bei einem Hotel mit einem Augenzwinkern hinnehmen und genießen. Das Grand Hotel Imperial in Levico Terme lädt dazu ein, einmal Prinz und Prinzessin zu spielen, und die Kritiken sind gut. Angefangen beim Holzbau des Torhauses, das der Besucher passiert, die großzügige Zufahrt, das imposante Haus im Zuckerbäckerstil, perfekt abgerundet durch einen riesigen umgebenden Park samt Wasserfontäne, Rosenbüschen und Arkaden, die mit wildem Wein überwachsen sind – die Kulisse ist perfekt, bis hin zu dem weißen Maserati, der hinter einem Porsche vor dem Haupteingang parkt, um Gepäck zu verladen.

Erst im März wiedereröffnet, ist sich das Grand Hotel durchaus seiner Aufgabe bewusst, ein Stück (Film-) Geschichte zum Leben zu erwecken und die Illusion der adeligen Sommerfrische zur Jahrhundertwende um 1900 zu erschaffen. Der Besucher, der normalerweise eher touristisch orientierte Hotels aufsucht, ist beeindruckt. Überaus freundliches Empfangspersonal informiert, lächelt – und händigt einem den Zimmerschlüssel aus. Jawohl, in diesem Vier-Sterne-Haus gibt es noch echte Schlüssel mit schwerem Messing-Anhänger, keine Plastik-Chipkarte. Das gute Stück passt zur Tür Nummer 202 im zweiten Stock, zu der man allerdings recht neuzeitlich im modernen Lift gelangt, und hinter ihr verbirgt sich eine sogenannte Junior-Suite, auf deren generösen 30 Quadratmetern sich unter gewölbten, mit Lüftelmalerei verzierten Decken und Durchgangsbögen ein breites Holzbett, eine Chaiselounge, ein Schminktisch mit Marmorplatte, eine Sitzecke, ein Sekretär, mehrere Kommoden und Schränke zu einem harmonischen Ganzen verbinden. Drapierte Vorhänge verschönern die raumhohen Fenster, im Bad warten neben einem Waschbecken mit getrennten Warm- und Kaltwasserhähnen ein modernes WC, ein Bidet und – der Clou – eine Jacuzzi-Badewanne mit integrierter Duschkabine.

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Spätestens jetzt weiß der Gast: Er ist Kaiser Franz – oder dessen Gemahlin Sissi. Die Zimmer gruppieren sich um mehrere Gänge und ein Atrium, in dem ein Brunnen, riesige Grünpflanzen, Sitzgrüppchen und ein Glasdach für eine ganz besondere Atmosphäre sorgen. Auf jedem Stockwerk gibt es Aufenthaltsräume, eingedeckt mit Geschirr, Gläsern und teils mit Champagnerflaschen in riesigen Kühlern, dekoriert mit Bilder-Staffeleien und – als schönste Zier – dem Ausblick auf den Park und die mächtige Bergwelt der Dolomiten.

Leider hängen zum Zeitpunkt des Besuches dicke Regenwolken über dem Trentino, jenem Teil des italienischen Gebirges, der sich zwischen Südtirol und Gardasee befindet und der von den deutschen Touristen nur zu gerne quasi links liegengelassen wird. Schade eigentlich, denn mit dem Lago di Caldonazzo und seinem kleinen Bruder, dem Lago di Levico, verpassen die Durchreisenden zwei entzückende Gewässer, die dazu noch die wärmsten in ganz Norditalien sind. Nicht mal der Gardasee kann da mithalten.

Wer im Grand Hotel Imperial einbucht, den braucht der Regen allerdings nicht zu schrecken. Bei allem kaiserlichen Charma hat man daran gedacht, dass der Tourist 2016 Wert auf Wellness legt, und die wird auch angeboten. Dazu kommen ein großzügiges Hallenbad mit Whirlpool, beheizt auf mehr als 30 Grad, und eine Saunaabteilung für Verfrorene und Wanderrückkehrer. Draußen, unter den Regentropfen, warten einsame Terrassen vor dem Restaurant und am Pool auf Passanten. Saftiges Grün umgibt sie, Rosen in vielen Farben, Laubengänge, hohe Bäume – und ein Außenschwimmbad, das mehr als nur eine Pfütze zur Abkühlung ist. Mit nackten Füssen macht sich die geübte Schwimmerin durch den Regen im hauseigenen Bademantel auf den Weg über den geteerten Weg hinauf zum Wasserbecken – nass ist sie eh schon – und gleitet ins kühle Nass. Nebel hängt zwischen den Bäumen, zwischen den Wolken erkennt man schemenhaft das Gebirge, das bei sonnnigerem Wetter sicherlich eine imposante Naturkulisse bietet. Die Vögel singen trotzdem, die Blumen blühen. Einsam zieht man seine Runden, während der Regen noch eine Schippe drauflegt. Die Poolbar bleibt geschlossen… Nach einer Weile geht es zurück ins Hallenbad, wo wohlig warmes Wasser einen umfängt.

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Nach einer Nacht im großen Holzbett erwartet ein solides Frühstücksbüffet den Gast. Am Nebentisch sitzen zwei Motorradfahrer, die am Vorabend Schutz vor den Regenfällen gesucht und gefunden haben. Im Grand Hotel treffen sie sich eben alle: die Reichen, die Schnäppchenjäger, die Zufallstouristen…

Die Sonne hat Erbarmen und schiebt die Wolken beiseite. Es wird warm. Nach dem Auschecken aus dem Hotel ist dann doch noch ein Besuch am Lago di Levico fällig. Am öffentlichen Strand sonnen sich die ersten Muttis mit ihren kleinen Kindern, die vergnügt im Uferbereich planschen. Eine Horde Teenager erobert das Wasser, nicht ohne sich gegenseitig nasszuspritzen und dabei fröhlich zu kreischen. Die saftig grüne Liegewiese lädt zum Verweilen ein. Wer’s gerne noch komfortabler möchte, kann gegen Eintritt ins nebenan gelegene Strandbad, das dann auch einen Sprungturm bietet.

Doch Norditalien hat noch mehr zu bieten. Vor dem Checkout im Grand Hotel hat man noch schnell die Wettervorhersage eingeholt: Sonne bei 26 Grad. Damit ist klar: Es geht an den Gardasee, Richtung Sirmione. Was es dort zu sehen gibt? (bb) Fortsetzung folgt…

 

Die Übernachtung im Grand Hotel Imperial kostete für zwei Personen in der Junior-Suite inklusive Frühstück als Last-Minute-Angebot 71 Euro, also rund die Hälfte des regulären Preises. Gebucht wurde der Aufenthalt einen Tag vor der Anreise.

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