Ein Plädoyer für den „Piks“

1 Sep

2021 – Unser Land, so scheint es, ist gespalten. Wie einst die Berliner Mauer, nur dass heute keine Steine die Menschen trennen, sondern die Meinung. Es geht – wie könnte es in diesen Zeiten anders sein – ums Thema Impfen.

Vorweg gesagt: Ich bin kein glühender Befürworter davon, alle Art von Krankheiten einfach im Vorfeld „wegzuspritzen“. Polio, Diphterie, Tetanus – ja, die Basics habe ich natürlich. Aber bei allem, was darüber hinaus geht, überlege ich erst einmal gut, ob ich das brauche oder nicht. Klar, als es nach Ägypten ging, stand die Hepatitis-Impfung an, und auch FSME habe ich mir irgendwann mal spritzen lassen. Grippe hingegen… nö, das ist doch etwas für Ältere und Angeschlagene, dachte ich immer, für die sogenannten „vulnerablen“, also verwundbaren Gruppen.

Was Corona betrifft, war ich froh, als mein Vater mit seinen 83 Jahren im zeitigen Frühjahr an der Reihe war und den heiß ersehnten Impftermin erhielt. In diesem Fall war für mich auch gleich klar: Wenn ich an der Reihe bin, lasse ich mich impfen. Das war im April 2021 aber noch nicht der Fall, und trotz aller Zurückhaltung, was die persönlichen Kontakte betrifft, erwischte mich das Virus über Ostern – volle Breitseite, herzlichen Dank.

Nie hätte ich gedacht, dass ich auf einmal in die Kategorie „vulnerable Gruppen“ fallen würde. Okay, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, Bluthochdruck, aber trotzdem sportlich und immer stolz auf meine gute Gesundheit. Kein Fleisch, kein Fisch, kein hoher Cholesterinspiegel. Und dann: Wumms, rumms – 40 Grad Fieber, Atemprobleme, nach einer Woche ab ins Krankenhaus. Innerhalb eines Tages hatte sich mein Zustand dermaßen verschlechtert, dass ich auf die Intensivstation gebracht wurde. Mein Leben hing am seidenen Faden, mein Körper an zahlreichen Geräten, die mein Herz-Kreislauf-System überwachten. EKG-Ableitungen am Oberkörper, venöse und arterielle Katheter an den Armen, Blutdruckmanschette am Oberarm, Blasenkatheter mit hübschem Beutelchen an der Seite des Betts. Und ein dicker Schlauch in der Nase für die Sauerstoffzufuhr, nicht so eine kleine, leichte Nasenbrille.

Aufstehen? Fast unmöglich und nur erlaubt, wenn der Toilettenstuhl zum Einsatz kam. Diesen zu benützen, war erst eine unglaubliche Überwindung. Aber man gewöhnt sich an alles. Nein, halt, das ist falsch ausgedrückt! Man gewöhnt sich nicht daran, man erträgt es. Großer Unterschied! Denn was nüchtern beschrieben gar nicht so wild klingt, ist in der Praxis teils kaum erträglich. Wenn Du einmal da liegst, im Krankenhausbett, und spürst, dass Deine Lebensenergie schwindet, Dein Körper nicht genug Sauerstoff bekommt, und Du langsam wegdöst. Wenn Du einatmest und merkst, dass da einfach nicht genug in den Lungen ankommt. Wenn Dir die Schwestern Deinen Krempel zusammenpacken und aufs Bett legen und Dir zum Abschied auf dem Weg zur Intensivstation einen mitleidigen Blick schenken, als ob sie nicht daran glauben würden, dass Du da wieder lebend rauskommst. Wenn Du selbst spürst, dass Du an einem Scheideweg zwischen Leben und Tod stehst. Wenn Du 16 Stunden am Tag auf dem Bauch liegst und alles drückt und spannt, und Dein linker Arm ist grün und blau und schmerzt von oben bis unten von diesem verflixten arteriellen Katheter, der von unten nach oben verlegt werden muss, weil er trocken läuft. In einer Art Mini-Operation von Arzt und Intensivschwester – zwei Stiche, links und rechts; das Kissen ist verblutet. Hilft nichts, der Katheter soll in die Leiste…

Nein, in die Leiste geht nicht, dann könnte ich nicht mehr auf den Bauch liegen. Das könnte bedeuten, dass die Lungenentzündung noch schlimmer wird und die künstliche Beatmung winkt. Also wird das arterielle Blut täglich am Ohr abgenommen, das dafür vorher mit reichlich Finalgon-Salbe eingeschmiert wird. Das ist dieses Zeug, das normalerweise bei einem schmerzenden Rücken hilft und brennt wie die Hölle. Das Problem: Die Salbe verschmiert sich natürlich auch in den Haare und aufs Kissen. Irgendwann kommt das Zeug auch an die Augen, das lässt sich gar nicht vermeiden, und Haare waschen ist auch nicht drin.

Peanuts, oder? In der Summe aber Peanuts, an denen man auch leicht ersticken kann… Nun, ich bin nicht daran erstickt. Ich hatte Glück. Nach fast zwei Wochen Krankenhaus, davon eine Woche auf der Intensivstation, durfte ich wieder heim. Als erschöpftes, aber glückliches Menschlein. Es gibt ein Bild von mir, ein Selfie, das ich am Tag meiner Heimkehr auf der Terrasse aufgenommen habe. Wenn ich es heute anschaue, läuft es mir kalt über den Rücken. Denn mein Blick gleicht dem eines traumatisierten Menschen; meine Augen spiegeln auf diesem Foto wider, was ich durchgemacht habe. Was ich miterlebt habe, denn ich war nicht die einzige Patientin auf der Intensivstation, und nicht jeder schafft den Weg zurück. Was ich mitgefühlt habe, mit den anderen Patienten, mit dem Pflegepersonal, das in den vergangenen eineinhalb Jahren extremsten Belastungen ausgesetzt war.

Heute, fünf Monate nach meiner Infektion, habe ich mich zum größten Teil von meiner Infektion erholt. Auch dank einer dreiwöchigen Reha, in der ich versucht habe, bis an meine Grenzen zu gehen, um mein Leben wieder zu erhalten. Ich wollte mich nicht in die Krankheit fallen lassen, sondern wieder auf eigenen Beinen stehen. Nach vorne schauen. Das hat mich auch aus dem Krankenhaus gebracht. Wenn die anderen über Long Covid sprachen, habe ich in meinem Kopf manifestiert, dass ich das nicht bekomme. Und doch: Noch immer hat mein Blutdruck nicht ins Gleichgewicht gefunden. Wenn das Wetter wechselt, werde ich meist unglaublich müde, schlafe manchmal eine ganze Stunde um die Mittagszeit. Und seit Anfang Juli fallen mir die Haare aus. Von einem dicken Zopf ist nur ein dünnes Büschel übrig, und ich habe jeden Morgen ein bisschen Angst davor, das, was von meiner Mähne übrig ist, zu bürsten. Aber es wird besser, und vielleicht reicht es am Ende, wenn ich sie nur ein paar Zentimeter und nicht komplett abschneiden muss. 

Auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz war nicht einfach. Die Arbeit macht mir Spaß, doch auch hier tue ich mir an manchen Tagen noch schwer, vergesse manchmal etwas – nicht die wirklich wichtigen Dinge, zum Glück, aber Kleinigkeiten, die mir innerhalb weniger Minuten aus dem Gedächtnis zu fallen scheinen. 

Was das Impfen betrifft: Ich bin überglücklich, dass ich Mitte September endlich den schützenden Piks erhalten darf. Natürlich habe auch ich Bedenken hinsichtlich der möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen: Werde ich wieder flachliegen? Fieber bekommen? Muss ich gar ins Krankenhaus deswegen? Die Statistik spricht bislang gegen Letzteres. Und mit ein paar Grippesymptomen kann ich gut sein. Alles, nur nicht noch einmal Corona bekommen! Denn ich weiß nicht, ob ich das überleben würde.

Ich weiß, dass das Thema Impfen heiß umstritten ist. Gerade jüngere Menschen unter 30 tun sich schwer mit dem Thema. Vielerlei Ängste und Zweifel plagen sie. Nicht zuletzt, weil viele „Enten“ ins Netz gestellt werden. Da geht es um Unfruchtbarkeit, Thrombosen, Mikrochips, die angeblich mit der Spritze kommen. Ernsthaft: Wer kann wirklich glauben, dass ein Bill-Gates-Mikro-U-Boot durch die dünne Kanüle in die Blutbahn gejagt wird? Und warum sollte eine Impfung unfruchtbar machen? Leute, reißt Euch zusammen! Natürlich kann keiner eventuelle Nebenwirkungen ausschließen. Oft wird argumentiert, dass wir alle mit diesen Impfungen „Versuchskaninchen“ wären. Dabei wurden die Impfstoffe weltweit schon zigmillionenfach eingesetzt, mit guten Ergebnissen. Und überhaupt: Was denkt Ihr eigentlich, wie Versuchsreihen ablaufen? Das sind keine Holzpuppen, die da den Arm für sicheren Impfstoff hinhalten. Das sind auch Menschen (und vorher Tiere), die ein Recht auf unversehrtes Leben haben. 

Und was ist mit dem Allgemeinwohl, das oft zitiert wird? Haben wir nicht die moralische Pflicht, andere Menschen zu schützen? Gerade bei immunschwachen Personen bauen sich trotz Impfung oft keine Antikörper auf. Sie können nur durch die Herdenimmunität geschützt werden. Und wenn das für die „Herde“ ein kleines individuelles Risiko bedeutet: Warum können es so viele nicht eingehen, als Zeichen der Solidarität und Menschlichkeit? Denn es ist nicht das viel zitierte „eigenverantwortliche Risiko“, es ist auch das Risiko für Risikogruppen. Um wieder eine gefühlte Normalität zurückzuerhalten, brauchen wir also mutige Menschen. Menschen, die sich nicht scheuen, sich den Piks geben zu lassen. Nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. (BB)

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